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Freunde werden Feinde

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„Ich glaube, es liegt an dem Versuch, viel zu viel zu machen, angesichts einer Deadline, die das gar nicht zuließ. Das bringt diese verrückte, verzweifelte Tonlage hervor, die im Geschriebenen durchscheint, wenn mn keine zweite Fassung herstellt. Die Leute nennen es Gonzo-Journalismus, aber tatsächlich ist es Schlamperei, nichts anderes.“ Hunter S. Thompson

War 1

Was würden Sie tun, wenn jemand versuchen würde Sie durch gezielte Gehirnwäsche in den Selbstmord zu treiben? Wenn Ihnen niemand glaubt? Wenn Sie so nicht mehr weiterleben könnten? Wie weit würden Sie gehen, um an die Wahrheit zu gelangen?

Meine Tage sind grau, die Nächte sind lang. Die einzige Konstante ist der Hass, der mich morgens aufweckt und abends nicht einschlafen lässt. Die Frage, wie es dazu kommen konnte, habe ich mir tausendfach beantwortet und kenne doch nicht die Wahrheit. Aber von Anfang an:

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Es ist November 2017. Ich sitze in meiner Wohnung in der Sandreuther Südstadt, blicke aus dem Fenster, denke über die Schlote der Abfallverbrennungsanlage nach, die seit Jahren meine Aussicht zieren, und stopfe mir einen Topf in meiner Ehle. Ehleminiert. Das bin ich schon länger. Ich war mal links, mittlerweile bin ich nur noch Arschloch. Ich studiere im 11. Semester, habe alles gelesen, was im Neomarxismus relevant ist, und jeglichen Respekt vor meinen Professoren verloren. Um über die Runden zu kommen, verkaufe ich Gras an Endkonsumenten. In den besten Zeiten 600 Gramm wöchentlich. Meinen MG TF verdiente ich mir im März 2016 in einem Monat. Der Verkäufer war schockiert, denn ich zahlte bar. Was mich dazu verleitet hat? Ich habe ADHS und lebe in Bayern. Der Preis für Endkonsumenten schwankt im Alpenstaat zwischen 10-15€/Gramm und der Mengenrabatt ist äußerst elastisch. Gras zu verkaufen ist eine Dienstleistung: Ein Verbrechen ohne Opfer. Der Staat schafft durch die Prohibition das Monopol des risikobereiten Drogenverkäufers. Niemand wird beraubt. Keiner kommt zu Schaden. Dieser Gedanke wird zwar von Misesianern wie Prof. Dr. David Dürr vertreten, doch in die Villa von Jens Spahn hat er noch keinen Einzug erhalten. Zudem verliert eine rechtliche Norm an Geltung, sobald sich eine kritische Masse nicht mehr an sie hält. Ich ziehe den Topf mit aller Gewalt und kicke ihn.

Mortler Final
Mortler

Dazumal wollte ich Dozent werden. Doch diese Karriere ist einem Steppenwolf nicht vergönnt. Auf der Straße war ich immer der Student. Viele hassten mich mit unverhohlenem Neid und waren missgünstig, da ich durch geschickte Preisnachlässe bei Mengen einer der besten Läufer der Stadt wurde. Wie will man jemandem, der in einer Barschlägerei einer Frau aus Wut mit einem Aschenbecher den Schädel zertrümmert hat, Paul Celan erklären? An der Uni erging es mir nicht besser: Boxerschnitt, Bomberjacke – Soziologen haben Bourdieu zwar gelesen, jedoch nie verstanden. Meine Bewerbung als Tutor, der erste ernstgemeinte Karriereschritt, scheiterte letztlich an einem Krav Maga Kurs sowie an einer Diskussion über Luhmann. Der Dozent für soziologische Theorie warf mir vor seinen Kurs zu torpedieren, nachdem ich darauf verwies, dass man mit Luhmann aufgrund des Axioms der Werturteilsfreiheit nicht zwischen einem faschistischen und bürgerlichen System differenzieren könne. Der Anfang vom Ende. In den nächsten Sitzungen zerstörte er mich vor dem gesamten Kurs anhand schlecht geschriebener, unbenoteter Lektüreprüfungen, in denen ich über meine Kindheit schrieb.

Wer Drogen verkauft, kann Aufmerksamkeit nicht gebrauchen, dennoch beging ich kurz vor jener Eskalation in einem Krav Maga Kurs einen kapitalen Fehler. Ich sollte eine Autoethnographie verfassen: Eine Mischung aus teilnehmender Beobachtung und Selbstreflexion, wobei insbesondere die eigene Wahrnehmung und subjektive Gefühlswelt einfließen soll. Mein Fehler war es, diese schäbige 68er-Methode ernst zu nehmen. Ich schrieb über Aggressionen nach politischen Diskussionen, über die Probleme, mich an den Kurs anzupassen, und über meinen Vater2. Kurzum: Ich gab dem Verfassungsschutz eine Einladung zur Überwachung. Die Berichte wurden von Kommilitonen quergelesen und der Streit an der Universität eskalierte.

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Ein Graffiti, welches Anfang 2019 in Roth erschien

Was genau passierte, lässt sich nur schwer in Worte fassen und an dieser Stelle ist nicht der Platz die Zeitspanne November 2017 bis Februar 2019 auszuleuchten, jedoch bemerkte ich schnell, dass ich eine Zielperson wurde. Wie später noch zu zeigen ist, haben diese Institutionen Mittel und Wege jemanden über das Internet zu zersetzen – wenn auch nicht ausschließlich.

Irgendwann im Frühjahr 2018, ich schickte gerade einen Fragebogenentwurf an einen Kommilitonen und lief von der Sandreuthstraße zum Plärrer, als mich 4-5 Polizeiwannen auf einer Fußgängerverkehrsinsel vor dem Theater Salz & Pfeffer umringten. Direkt vor mir stand ein schwarzer Sprinter mit getönten Scheiben. Der einzige Wagen ohne Polizeilackierung. Ich blieb stehen und starrte in die blickdichte Scheibe, während mein Leben an mir vorbeizog. Nach ein paar Sekunden, die sich wie Stunden anfühlten, fuhren sie einfach weiter. Ich war noch frei. Was war gerade passiert?

Egal. Die Paranoia war entfacht, der Streit an der Universität eskalierte weiter und ich versuchte mich über eine Werkstudentenstelle und ein Cannabisattest zu legalisieren. Ich bewarb mich bei der IOM, mit dem Hinweis, dass ich in Zukunft gerne Situation Reports verfassen würde. Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. Kurze Zeit später hatte ich eine unangenehme Erfahrung mit Dirk Pohlmann, auf die ich hier nicht näher eingehen möchte, die mich jedoch endgültig verstörte. Die Beziehung zu meinen Kollegen verschlechterte sich stetig. In solchen Kreisen hält jeder den anderen für einen V-Mann. Dass etwas nicht stimmen kann, wusste ich, als der Vater des I.’s mir zuflüsterte: aus Freunden werden Feinde. Warum er dies tat? Wahrscheinlich aus Solidarität mit einem Genossen. Der Vater war einst Anhänger der PKK und muss manch deutsche Züge seines Sohnes wohl verachtet haben. Die Zersetzung begann. Ich hörte kurzzeitig das Kiffen auf und setzte temporär mit maximalem Druck alles auf ein Cannabsiattest. Gleichzeitig versuchte ich auf die destruktive Praxis der postmodernen Leistungsgesellschaft aufmerksam zu machen, stimulierende Drogen, wie Methylphenidat und Amphetamin, an Kinder zu verschreiben und beantragte bei dem Pharmakonzern Eli Lilly Einsicht in die Methodik einer Medikamentenstudie, die der Honorarprofessor für Wirtschaftspädagogik Dr. Edgar Friederichs mit mir durchführte, um Strattera auf den Markt zu bringen, nachdem ich in meinen Unterlagen einen ordinal skalierten Fragebogen fand, den meine Mutter einst ausfüllen sollte. Auf dem Weg zwischen zwei Arztterminen verlor ich an einem Freitagnachmittag zwischen Georgensgmünd und Rothaurach die Kontrolle über meinen Roadster. Der MG TF besitzt kraft des Mittelmotors eine phänomenale Straßenlage. Die Physik und das fehlende ESP werden einem jedoch zum Verhängnis, sobald das Auto ins Schleudern gerät. Wenn das Heck ausbricht, fängt es niemand mehr ein. Die Flugkräfte lassen das Auto dann um den Mittelmotor kreiseln. Ich lenkte dagegen und hatte aufgrund fehlenden Überrollbügels Glück, dass gerade ein Skoda in die Kurve einbog. Fuck.

MGTF 1

Die nächsten zwei Monate pustete ich eine Kugel nach oben. Meine Lunge war dreifach gequetscht. Brustkorb, Zehen, Schlüsselbein und Rücken gebrochen. Als ich wieder fähig war, mich allein zu duschen, wechselte ich meine Quelle und alles ging von vorne los.

Der Streit an der Universität hatte sich endgültig zu einem Drama entwickelt und ich hatte immer noch das Gefühl, dass mich der Verfassungsschutz oder die Polizei überwachen würden – diese Leute haben im Zeitalter des Internets mannigfaltige Mittel und Wege, eine Zielperson subtil unter Druck zu setzen und in Bayern war gerade das PAG verabschiedet worden.

Im Februar 2019 hielt ich dem Druck nicht mehr stand. Ein Kommilitone machte zwei folgenreiche Bemerkungen:

1. Dass ich beim Verfassungsschutz als enfant terrible gelten würde.

2. Dass ich meinem Treiben auf Tinder ein Ende bereiten solle, da in dem qualitativen Forschungsprojekt über Interaktionsformen im Internet ein paar fourth-wave Feministinnen, mit denen ich mich verstritten hatte, auf ebenjener Plattform auf der Jagd seien.

Trigger Sightseeing
IOM Securtiy Services Office

Ich eskalierte, brach mein Studium ab, flog für ein Praktikum zu Dutertes War on Drugs auf die Philippinen und ging schließlich nach Friedrichshafen, um an einer Privatuniversität Internationale Beziehungen zu studieren. Doch schon bald sollte mich meine Vergangenheit einholen. Ich saß am Tisch mit irgendwelchen Snobs, die Sleipnir3 hörten, sich besoffen, dabei Rolex trugen, und verfiel in eine Depression. Rückblickend betrachtend waren es feine Kerle, jedoch war ich für diesen Milieuwechsel nicht bereit. Als ich im Oktober 2019 nach Mittelfranken zurückkehrte, traf ich einen alten Bekannten, der mich wild beschimpfte. Ich wusste nicht wieso, hatte jedoch das Gefühl, dass es mit meiner Geschichte zu tun haben könnte. Später fand ich heraus, dass meine alte Verbindung ohne Beweise aufgrund des unterstellten Kontakts zu kriminellen Personen in den Knast gewandert ist. Kaum jemand reflektiert darüber, was das heißt: ohne Beweise. Was also tun? Wie die Sache geraderücken?

Ich hatte Blut geleckt und stieß über einer Syrien-Seminararbeit auf das perfekte Ziel. Das Forschungspapier wurde mit heißer Feder geschrieben. Die Thesen würde ich so heute nicht mehr vertreten, jedoch waren meine Fragen legitim. War nicht gerade ein autistisches Mädchen berühmt geworden, weil sie sich mit einem Schild vor ein Rathaus setzte? Sterben nicht statistisch gesehen sukzessiv mehr Zivilisten an Stellvertreterkriegen als an Naturkatastrophen? Sind die Frühwarnsysteme technologisch nicht ausgereizt und die osteuropäischen Waffenschmieden nicht am Glühen? Ich fing an E-Mails zu schreiben. An den VS, BND, amerikanische Sicherheitsberater, private Nachrichtendienste. Wie man sich vorstellen kann, bemerkte ich schnell, dass meine elektronischen Geräte nicht mehr so funktionierten, wie sie es normalerweise getan hätten, der Google- und Youtube-Clusteralgorithmus beispielsweise nicht mehr normal-personalisierte Suchergebnisse ausspuckte, sondern manipulierte, die auf mein Leben (bzw. jenes meiner Mitbewohner) abzielten: „Jetzt ist Schluss mit Feiern.“ „Keine Drogen mehr im Darknet bestellen.“ Es ging wieder los.

Zugleich stieß ich auf die aserbaidschanische Korruptionsaffäre: auf Eduard Lintner und Karin Strenz. Menschenrechte und faire Wahlen spielen angesichts des Kaviars scheinbar keine große Rolle mehr: Für alle von uns ist ein Platz reserviert im Knast. Ich fand heraus, dass Wolfgang Schäuble seine schützende Hand über die beiden Delinquenten hielt, und vermutete sofort illegale Parteienfinanzierung seitens der EVP/CDU/CSU, wie einst bei der Affäre um Karlheinz Schreiber. Bekanntlich erfüllt Deutschland in diesen Belangen nicht die EU-Standards und interessanterweise bringt das Bundestagspräsidium unter Wolfi Schäuble illegale Parteienfinanzierung selbst zur (Nicht-)Anzeige. Der Staatsbürger hat keinerlei Klagebefugnis. Für mich als Laien war dies ein klares Zeichen einer illiberalen Demokratie mit geschwächter Gewaltenteilung samt der Verfestigung oligarchischer Herrschaftsstrukturen, weshalb ich im gleichen Zuge beim Verfassungsgericht anfragte, ob dies bereits zur Ausrufung des Artikels 20 Absatz 4 des Grundgesetzes reichen würde.

Über ein Telefonbuch fand ich schließlich die Privatadresse Eduard Lintners heraus und mappte eine seiner Scheingesellschaften in Google konsequenterweise auf die Eichhornstraße 9 in Münnerstadt. Ein paar E-Mails und Facebook-Trollaccounts später beschloss ich in die Niederlande zu fahren, um die Sache endgültig eskalieren zu lassen. Ich verfolgte einen Informationskrieg zwischen einer bulgarischen „Investigativjournalistin“ und bellingcat, in dem es schlicht darum ging, ob die staatsnahe aserbaidschanische Fluggesellschaft Silk Way Airlines für den Westen Waffen an den Islamischen Staat lieferte. Technische Landungen der kaukasischen Frachtflieger sowie die Plünderung von Waffenlagern anderer Partisanengruppen seitens des IS, mach(t)en es jedoch für einen Zivilisten wie mich unmöglich, die Wahrheit gesichert nachzuvollziehen, ergo: Die Herkunft der Waffen von der Front zur Fabrik lückenlos zurückzuverfolgen. Wie dem auch sei, die Rechercheplattform bellingcat benutzte in ihrer Widerlegung das Wort „zufällig“ schlicht zu oft, um den Fall abschließend plausibilisieren zu können. Die Pressemitteilung der Silk Way Airlines beschuldigte Armenien Urheber jener potenziellen black Propaganda zu sein, und ich hatte direkt nach der Abgabe meines Forschungspapiers die Exmatrikulation eingereicht. Ich fuhr nach Den Haag:

1. Um den Internationalen Strafgerichtshof zu trollen.

2. Um den armenischen Botschafter zur Waffen- und Korruptionspipeline zu interviewen.

Der Botschafter biss an und erklärte, dass er in einer Woche Zeit hätte. Es erübrigt sich an dieser Stelle zu erwähnen, dass ich innerhalb der kommenden sieben Tage diverse „zufällige“ Gespräche mit Bulgaren, Niederländern und anderen Leuten führte. Beispielsweise wurde mir bereits nach dem Besuch des Escher-Museums in Den Haag von einem Holländer erklärt, dass Amsterdam nicht mehr die Stadt für Punker wäre, sondern Berlin, hier überall Kameras hängen würden und ich am besten nach Hause gehen sollte. Die Geschichte blieb mir im Kopf, da ich kurz zuvor im Museum ein Meme über „Punk-Intelligence“ erstellte.

Da ich davon ausging, überwacht zu werden, stellte ich Timer, sprach allein in meinem Zimmer Drohungen in mein Handy, und wollte die Überwachung somit manipulieren. Mein Leben fühlte sich bereits damals an, wie jenes von Karin Ritter (DDR), doch nun sollte alles viel schlimmer kommen. Auf dem Weg zum Interview entlud sich der Akku meines Mobiltelefons. Ich hatte kein Aufnahmegerät mehr. Wie man sich vorstellen kann, war das Interview nicht sonderlich erfolgreich, jedoch erhielt ich kurze Zeit später eine E-Mail, in welcher mich die Armenier fragten, ob ich nicht für eine Wahlbeobachtermission nach Bergkarabach kommen wollen möchte. Ich nahm das Angebot an, war jedoch zugleich misstrauisch und auch unentschlossen, da die kleine Kaukasusnation international nicht anerkannt ist. Wiewohl ich den Armeniern sympathisierend gegenüberstand, wollte ich dennoch keineswegs ein Propagandamaskottchen ihres Vasallenstaates werden.

Direkt nach dem Interview streunte ich die Straße zur russischen Botschaft hoch, und lief an einer Pharmalobby-Organisation vorbei. Erinnert an mein erfolgloses Auskunftsersuchen bei Eli Lilly klingelte ich und wollte eine Debatte führen. Höchstwahrscheinlich erschüttert von meiner Patient 0 Haltung, drückte mir die Frau schnell ihre Karte in die Hand, und meinte, ich solle ihr eine E-Mail schreiben. Gesagt, getan. Ich erhielt nie eine Antwort, doch an meinem vorletzten Abend in den Niederlanden, am 12.02.2020, sprach mich ein süßes Mädchen aus Brasilien mit dem Namen Paula an. Hatte ich erwähnt, dass die Frau der Pharmalobby-Organisation Paula Cohen hieß, oder, dass der Bruder der Brasilianerin bei Eli Lilly arbeitet? Sie fragte mehrmals, mit Joint in der Hand, ob ich denn Feuer hätte, und, nach dem zweiten oder dritten Versuch ihrerseits, raffte ich mich auf und setzte mich zu ihr. Ein indischstämmiger Mann sagte zu mir, ich würde aussehen wie Freddie Mercury, stand auf und ging. Wie das Leben so spielt, war ich seit Wochen von Bronchitis und Grippe geplagt (Corona?) und wollte sie nicht küssen, was ich ihr erklärte. Zudem hatte ich sie in meinem Kopf sofort als Honeytrap eingestuft. Wir unterhielten uns, tauschten Nummern aus, und gegen 3 Uhr morgens legte ich mich schlafen.

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Während ich mir das Datum meines Autounfalls in römischen Ziffern tätowieren ließ, ließ sich die Brasilianerin Be Kind stechen

Am nächsten Tag fuhr ich zurück nach Deutschland, schlief im Bus und fuhr am Valentinstag mit meinem besten Freund nach Friedrichshafen, um meine Wohnung auszuräumen. Zurück in Nürnberg redeten mir meine Langwasser-Freunde schnell die Honeytrap-These aus: „Julius, schwätz dir nichts ein.“ Die Armenier meldeten sich nicht, ich hatte weder Wohnung, Job noch Studium, und mich reizte das Abenteuer. Ich verabredete mich mit der Brasilianerin in Lissabon, buchte einen Mietwagen, packte ihn voll und fuhr los.

Ich buchte das Auto explizit mit Navigationsgerät. Es ist an dieser Stelle müßig zu erwähnen, dass es nicht funktionierte. In Frankreich kam es mir irgendwann komisch vor, dass ich die Grenze zu Spanien noch nicht erreicht hatte, und überprüfte Google-Maps auf meinem Mobiltelefon. Ich fuhr in den Norden. Wie lange schon, dass kann ich rückblickend nicht mit Sicherheit sagen, was ich jedoch sicher weiß ist, dass ich Lissabon als Ziel eingegeben hatte.

Ein paar solcher Situationen, zwei Thermoskannen Kaffee und diverse Sportzigaretten später war ich völlig aufgekratzt. Ich hielt an einem verlassenen Rastplatz an, um mich schlafen zu legen – keine Kameras, keine Raststätte, nur ein Scheißhaus – als plötzlich ein weißer Lieferwagen neben mir stehen blieb. Ein Mann stieg aus. Lief fahrig um mein Auto herum. Ich öffnete die Tür und fragte: „Can I help you?“

In seinen Augen lag eine Mischung aus Unentschlossenheit und Verzweiflung. Ich verriegelte die Tür, startete den Motor, legte den Rückwärtsgang ein und fuhr weiter. Da ich indessen hundemüde war und kurz vor dem Sekundenschlaf stand, ohrfeigte ich mich bis zur nächsten Raststätte und legte mich im Radius einer Kamera schlafen. War das ein Mordversuch gewesen? Ein versuchter Raub? Oder hatte ich die Situation falsch eingeschätzt? Schwer zu sagen.

In Spanien angekommen hielt ich an einer Raststätte, ging hinein, kaufte mir gerade einen Espresso, als die Guardia Civil hinter mir den Laden betrat und den Verkäufer fragte, ob alles in Ordnung sei. Waren Sie wegen mir da?

Im Baskenland schwor ich mir, dass ich mir in diesen malerischen Bergen irgendwann ein Haus kaufen würde. Die Brasilianerin war mittlerweile gereizt, da ich bereits in der Früh ankommen wollte, jedoch eine etwas längere Pause im Land der Euskadi Ta Askatasuna einbaute. Mein Handy spielte nach wie vor verrückt und ich war bereits mehrfach geblitzt worden, als ich endlich die portugiesische Grenze erreichte. Das Problem: Ich konnte die Autobahngebühren nicht bezahlen, da ich nicht das geforderte Zahlungsmittel besaß. Ich hielt an einer Tankstelle. Die Angestellten erklärten mir, ich solle weiterfahren, bald würde eine Station kommen, an welcher ich in bar bezahlen könne. Natürlich kam sie nicht. Dafür blitzte mich der portugiesische Staat locker ein Dutzend Mal, während ich die Hände, als wäre ich in Handschellen, überkreuzt zum Gruß hob. Ich kam um ein oder zwei Uhr in der Nacht an. Das Mädchen öffnete das Zimmer, welches wir zuvor gemeinsam buchten. In der Planungsphase beharrte sie darauf, dass bei dem ersten Treffen ein „Freund“ anwesend sein sollte, doch woher kennt eine 20-jährige Brasilianerin, die noch nie in Europa war, jemanden in Lissabon? Wie dem auch sei, ich wurde für die ritterliche Fahrt von meiner Walküre sofort belohnt: Eagle has landed.

Die nächsten 4 Tage zeigte ich ihr Lissabon, Óbidos, den Palácia Nacional da Pena in Sintra sowie diverse Strandabschnitte. Freunde von mir waren 2018 in Lissabon als Callcenteragenten angestellt und ich besuchte sie direkt nachdem ich die Folgen meines Autounfalles ausgestanden hatte. Ich kannte mich also in Portugal bereits äußerst gut aus, hatte das Gefühl nichts mehr zu verlieren zu haben und die Tasche voll mit meinem restlichen Drogengeld: „Ich gebe alles aus!“ (GZUZ). Grob über den Daumen gepeilt, dürfte mich die ganze Geschichte am Ende 10-12 Scheine gekostet haben. Geld allein macht nicht glücklich, aber wenn man genügend Geld und eine 20-Jährige dabeihat, kann man sich durchaus das Leid eines ganzen Jahrzehnts vergolden; und da ich mich gerade ohnehin im Sturzflug befand, erzählte ich der potenziellen Honigfalle allerlei Straßengeschichten. Ich hatte nicht vergessen, wieso ich die Eskalation überhaupt gestartet hatte: Kamikaze. Ich brachte sie zum Flughafen, wir versprachen, uns wiederzusehen, und ich fuhr mit einem kurzen Aufenthalt in Madrid weiter nach Barcelona.

Ich war noch nie in Katalonien, und seit Cannabis vor Ort legal ist, soll es dort bessere Sorten geben als in Amsterdam. Ich benötigte keine Stunde um Mitglied in einer der vielen Abgabestellen zu werden und bestellte das stärkste Sativa-Gras des Hauses. Völlig verraucht lief ich durch die Straßen, meinen besten Freund im Live-Videocall dabei, und plante Vlogger zu werden. Zurück im Hostel, fand ich in meinem Jacket, welches ich unachtsam auf dem Bett hatte liegen lassen, 3 Chipkarten, obwohl ich zuvor nur eine ausgehändigt bekam. Mein Mobiltelefon spielte ohnehin die ganze Zeit verrückt. Ich war alleine und nervlich wieder komplett aufgerieben. Die Rezeptionistin wurde sofort aggressiv, als ich ihr die Chipkarten brachte, und wollte wissen, woher ich sie genommen hatte. Dabei war exakt dies meine Frage an sie gewesen: Woher kamen die Karten? Ich erinnerte mich wieder an Karin Ritter, Zersetzung und Operative Psychologie. Die Stasi hat Möbel verrückt und andere Dinge in der Wohnung der Oppositionellen umgestellt, um sie in den Wahnsinn zu treiben. Niemand glaubte ihr, sie bekam Depressionen und nahm sich letztlich kurz nach der Wende das Leben.

Das Ziel von Zersetzungsmaßnahmen ist es unter anderem das Vertrauen in die eigene Wahrnehmung zu untergraben. Ein paar gezielte physische oder virtuelle Manipulationen können ausreichen um eine Projektionsspirale in Gang zu setzen. Die Zielperson wird von nun an jeden Zufall hinterfragen, jede Gesprächsperson und Werbung verdächtigen und in Kombination mit dem sich entfremdenden sozialen Umfeld letztendlich zerbrechen.

Ein paar Trigger später googelte sich „Geh Presse“ in meinem Handy selbst. Ich hatte indessen den Plan, mir den Mietwagen klauen zu lassen, da ich aufgrund der Erfahrungen in Frankreich und Barcelona nicht mehr allzu erpicht darauf war, alleine nach Deutschland zu fahren. Ich versuchte noch Anwälte zu kontaktieren, aber als mir selbst mein Vater nicht helfen wollte, drehte ich durch, stieg in mein Auto, ließ den Motor stark durchdrehen, stellte den Geländewagen auf einen parkscheinpflichtigen Parkplatz und ließ ihn dort samt Schlüssel stehen. Nun rief ich das deutsche Konsulat an. Doch die Frau am Telefon erklärte mir bloß: „Denken Sie doch an ihre Zukunft!“

An meine Zukunft? Als ich das Gaspedal im Leerlauf nach unten presste, ich den Wagen also durchdrehen ließ, hat sich „AK Coup“ selbst gegoogelt und ein ehemaliger Mitbewohner eröffnete exakt in diesem Moment einen Gruppenchat, in welchem er meinte, er würde mit einem Mädel nach Lissabon ziehen und auch in Spanien haltmachen. Wusste die Frau, was gerade los war? Ich ließ all meine Sachen in einem Café zurück, fuhr per Taxi zum Konsulat, pinkelte dagegen und wurde von dem Sicherheitspersonal herzlich empfangen. Sie hätten hier eine Liste von Anwälten, aber vom Konsulat möchte aktuell niemand mit mir sprechen. Ich hatte noch meine Paella dabei, verließ den Eingangsbereich und schmiss sie gegen das Wappen der Bundesrepublik Deutschland.

Ich verabredete mich erneut mit der Brasilianerin. Diesmal würde ich zu ihr nach Südamerika fliegen. Ich buchte den Flug und marschierte zum amerikanischen Konsulat. Auf dem Weg lief ich an einer Straßensperre vorbei und ein Range Rover mit einer gefesselten Frau auf dem Beifahrersitz kreuzte meinen Weg. Am amerikanischen Konsulat angekommen, stand die Tür offen. Kein Wachpersonal weit und breit. Dieser Umstand machte mich rasend, sodass ich mich ebenso an der Mauer des amerikanischen Konsulats erleichterte. Abends, als ich mich gerade schlafen legen wollte, bemerkte ich ein Stöhnen, welches in Spotify über meine Musik eingespielt wurde. Ich hatte gerade vier Tage mit der Brasilianerin Sex gehabt, wechselte den Track, doch das Stöhnen blieb. Ich sprang auf, zog meine Sachen an, verließ das Hostel und googelte die Adresse des russischen Konsulats. Auf dem Weg dorthin sprang der blaue Zielpunkt von einer Straße zur nächsten, immer dann, als ich ihn zu erreichen schien, bis auf der anderen Straßenseite ein nordeuropäischer Mann mit Glatze stand. War er einer von ihnen? Ich wusste es nicht, klappte jedoch mein Herbertz-Taschenmesser in meiner Jackettasche auf, den Griff fest umschlossen, und verfolgte ihn von der anderen Straßenseite aus. Nach einer Weile setzte er sich auf eine Bank, wie man es in Sicherheitskreisen bei einer möglichen Verfolgung beigebracht bekommt, und ich lief an ihm vorbei. Als ich mich draußen auf einer Parkbank schlafen legen wollte, rief mich die Brasilianerin an und überredete mich zurück ins Hostel zu gehen, welches ich am folgenden Tag wechselte. In der letzten Absteige angelangt, gab ich irgendeinem Rezeptionisten Kopien meiner schlechten Seminararbeiten und legte mich schlafen, als mir eine Spanierin subtil empfahl, nach meiner Mama zu rufen. Ich verfolgte sie nach draußen. Sie stand zwei Meter neben mir, mit dem Rücken an die Hauswand gepresst, während ich mir direkt vor dem Eingang einen Joint mit dem stärksten Haschisch der Stadt reinschlotete.

Bevor ich jedoch nach Deutschland zurückkehren konnte, musste ich aus versicherungstechnischen Gründen meinen Mietwagen als gestohlen melden. Ich ging also um 1 Uhr nachts durch die Straßen Barcelonas zu der nächsten Mossos-Polizeiwache, zeigte ihnen, wie ein pflichtbewusster Staatsbürger, mein Taschenmesser und wurde erst nach einiger Diskussion hineingelassen, um den Diebstahl meines Wagens dokumentieren zu lassen. Sie nahmen mir mein Messer ab, bemerkten, dass mein Auto bei ihnen auf dem Parkplatz stehen würde – es wurde scheinbar abgeschleppt – und wurden zudem einen Ticken gereizter, als sie es ohnehin schon waren. Sie zerrissen das fertig ausgefüllte Formular, und sagten, ich solle morgen zurückkommen. Doch mein Bus nach München fuhr zu früh los, um dem noch nachzukommen, und so verließ ich Barcelona ohne Polizeibericht.

In München angekommen, fuhr ich als erstes zum Verfassungsschutz, fotografierte das gesamte Gelände samt den Autos ab, stellte die Bilder als „Local Guide“ auf Google und wurde von einer Frau aufgehalten, die sich somit ebenso ein Porträt einfing. Ich nahm die Beine in die Hand, entfernte mich fluchtartig und ging nun fest davon aus, dass dieser Skandal vermittels jener Aufmerksamkeitsökonomie ans Licht kommen müsste. Die Bilder hatten am Ende immerhin 60.000 Klicks. Doch nichts dergleichen geschah, stattdessen schrieb mich, als ich mich auf dem Weg von Nürnberg zu meinem Flug befand, mein Onkel an und fragte, ob ich nicht Lust hätte vorbeizukommen. Bei ihm angekommen, erzählte ich ihm meine Geschichte, woraufhin er mir auf die Füße stieg, mich zwang die Brasilianerin anzurufen, und sie zu fragen, wer ihr Verbindungsoffizier sei. Er legte mir Taschentücher hin, bezeichnete mich als Baby und meinte, dass Leute wie ich eines Tages mit einer (nicht selbst-injizierten) Überdosis im Hotelzimmer aufgefunden werden würden. Er hatte Tränen in den Augen und sagte, dass es schade um mich sei. Da er seine Ratschläge mit Informationen untermauerte, wie beispielsweise, was ich mit Timern angestellt hatte als ich alleine im Hostelzimmer war, oder, was ich in E-Mails an Professoren für Sinologie über Japan und Ehre geschrieben habe, Informationen also, die er nicht hätte haben dürfen, da ich davon niemandem ein Sterbenswörtchen erzählte, erlebte ich einen Nervenzusammenbruch. Ich wurde tatsächlich überwacht. Alles ist wahr. Ich duschte mit Bier und ließ mich aus Angst in die Klapse einweisen.

Am nächsten Tag und ein paar Psychopharmaka später flüchtete ich aus der Psychiatrie und verlangte meine Ausweisung gegen ärztlichen Rat, packte meinen Koffer, fuhr zum Flughafen Nürnberg und buchte per Kreditkarte einen Flug nach Amsterdam, um von dort nach Brasilien zu fliegen. Beim Umsteigen in Lissabon musterte mich eine Frau, die ein IOM-Halsband trug, und zutiefst gerührt schien. Ich pöbelte sie an, indem ihr recht grob erklärte, für was für einen einen Scheißverein eigentlich arbeiten würde, und stieg in meinen Flieger nach Brasilien – ohne zu wissen, was mich dort erwarten würde.

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Wie viel Gramm wiegt ein Esslöffel?

Tatsächlich wurde ich am Flughafen abgeholt, küsste meine Walküre und lernte ihre Eltern kennen. Als ich noch in Deutschland war, erklärte mir ein Chirurgen-Freund, dass Corona nur eine harmlose Grippe sei, ich also bedenkenlos fliegen könne. Ich war keine zwei Tage in Brasilien, als am 13. März die Welt in Panik ausbrach. Eigentlich wollte ich einen Freund und seine Frau, die gerade ein Jahr auf Weltreise waren, in Peru treffen. Nun war ich eingesperrt – mit einer 20-Jährigen und ihren Eltern. Nicht, dass ich die Zeit nicht genossen hätte, jedoch war ich geplagt von Paranoia, hatte, sobald ich mich mit dem Umstand auseinandersetzte, dass allein auf die Fotos des VS-Gebäudes ein Jahr Haft standen, Kreislaufprobleme und unerträgliches Händekribbeln. Dass der Vater kryptische Sachen sagte wie: „In Brasilien sagt man: Man möchte einen Job und man möchte keinen Job“, machte die Sache keineswegs besser. Am Anfang zeigte er noch auf seine Tochter und sagte das einzige englische Wort, welches er scheinbar beherrschte, „marriage“. Am Ende meines einmonatigen Aufenthalts zeigte er mir nur Bilder seiner Lieblingsbar und empfahl mir dorthin zu gehen. Die Zersetzung hielt auch in Brasilien weiter an. Als ich in Yandex etwas suchte, erschienen Donald Trump und die Nase der Brasilianerin. In Google wurde mir sehr häufig „Epstein“ vorgeschlagen und auch in Brasilien selbst gab es einige Situationen, die nicht stringent einzuordnen waren. Die Armenier meldeten sich, als ich gerade einen Tag in Brasilien war und fragten, ob ich noch Interesse hätte zur Wahlbeobachtermission zu kommen. Ohne mich an diesen Details länger aufhalten zu wollen: Ich wurde systematisch fertig gemacht, und wollte Brasilien verständlicherweise am liebsten gar nicht mehr verlassen. Denn ich wusste: Sobald ich in Deutschland ankomme, beginnt die Apokalypse auf die eine oder andere Art und Weise. Ich schaffte es die Eltern zu überzeugen mir bis zum 11. April Asyl zu gewähren, wurde dann jedoch relativ unfreundlich gebeten das Haus zu verlassen. Die Coronaquarantäne nagte an jedem und die Brasilianerin und ich schreiten uns mittlerweile regelmäßig an. Sie hatte keine Lust auf mein Gejammer. Ich war sauer, dass sie nicht verstand, dass ich systematisch zersetzt worden bin und mich wahrscheinlich nichts anderes als das Gefängnis erwarten würde. Was natürlich nicht heißen soll, dass ich sie nicht geliebt hätte. Was macht ein Mann, der vor den Trümmern seines Lebens steht, und gerade ein solches Abenteuer erlebt? Ich war verloren. Der Abschied dementsprechend traurig. Sie heulte, ich plante unser Wiedersehen und steckte ihr einen 500€ Schein in die Handtasche, den sie vehement ablehnte. Ich erklärte ihr, dass sie ihn entweder für den Flug zu mir oder für die Kosten meines Aufenthalts verwenden soll. Ich hatte ebenjenen Schein von I. für eine Fahrt von der Frankfurter Nordweststadt nach Nürnberg erhalten. Dieser Moment, wenn auf der A3 vor deinem Mietwagen plötzlich ein Polizeiauto einbiegt, und du mit schwitzigen Händen und 120km/h langsam an ihnen vorbeiziehst: unbezahlbar. Meine Schuld war beglichen.

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In Deutschland, nach einem Umweg über Amsterdam, auf der Couch meines besten Freundes angekommen, traf mich die Realität wie ein Schlag ins Gesicht. Familienverhältnisse zerrüttet, obdachlos, pleite und nicht im Knast. Dafür lief ein südländisch aussehender Mann mit einem Babyanhänger in der Hand an mir vorbei, als ich gerade vom Einkaufen zurückkehrte, während direkt hintenan eine Polizeiwanne stand.

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Das Schwein erhielt ich von der Brasilianerin

Die Brasilianerin hingegen verlor nach ein paar Wochen die Lust an mir. Ich klammerte – mein Leben war gefickt -, sie ghostete mich zwei bis drei Wochen lang, schoss mich schließlich ab und ich zog nach Berlin. Das Einzige, was ich an nicht-psychologischer Repression zu spüren bekam, war eine 3.000€ Rechnung für die Überführung des Mietwagens. Die Polizei sendete mir meinen USB-Stick, den ich beim VS abgegeben hatte, mit dem freundlichen Hinweis zurück, dass ich doch bitte das nächste Mal keinen Polizeieinsatz auslösen solle. Ansonsten passierte nichts.

In Berlin angekommen, verfiel ich erneut in eine tiefe Depression und überlegte mir einen Gegenschlag: weder Presse noch Anwälte schien meine Geschichte sonderlich zu interessieren. Menschliche Würde ist scheinbar nicht so relevant wie ein autistisches Mädchen vor einem Rathaus. Ich erinnerte mich, dass die aserbaidschanische Geldwaschmaschine über die Danske Bank abgewickelt wurde, und dass die Deutsche Bank als Korrespondenzbank in den Skandal verwickelt war. Die Strafe für diese reflexionsfreie Jagd nach immer höheren Transaktionsvolumina? Lächerliche 13,5 Millionen Euro (Stand: Oktober 2020). Ich bewarb mich also als AML-Analyst in der Compliance-Abteilung der Deutschen Bank. Da ich es über eine Zeitarbeitsfirma – Bankpower – versuchte, wurde ich sofort genommen. Nun hatte ich Zugriff auf interne Datenbanken, war alleine im Home-Office und begann zu spionieren. Wenige Wochen, nachdem ich zu arbeiten begann, investigierte ein Kollege einen Fall mit Bezug zur aserbaidschanischen Korruptionsaffäre und ich wurde misstrauisch: War dies eine Kontaktmanipulation (Vgl. SOCAR & DB Texte dieses Blogs)? Egal, ich dokumentierte den Fall und machte mich weiter an meine Arbeit.

Schnell geriet ich in Konflikt mit meinen Vorgesetzten. Sie zwangen mich subtil Fälle zu plausibilisieren, argumentierten stets gegen fundierte Eskalationsgründe, hatten jedoch selbst bei Spezialfragen keinerlei Ahnung. So sollten wir beispielsweise, wenn auch nicht hauptsächlich, auf Güter mit möglichem Dual-Use Bezug achten, hatten jedoch niemals eine Schulung in diese Richtung erhalten. Bereits eine Schraube kann für manch Waffen von Bedeutung sein, doch die Deutsche Bank verweist ihre Zeitarbeiter schlicht auf eine völlig nichtssagende Excel-Tabelle, die die Senior-Analysten selbst nicht verstehen. Zeitarbeiter, die einen Flyer über Geldwäsche lesen sollen, eine Woche die Programme erklärt bekommen und hiernach Transaktionen plausibilisieren sind hoffentlich nicht die hochqualifizierten, neuen Mitarbeiter, von denen der Pressesprecher der Deutschen Bank im Zuge des FINCEN-Skandals sprach. Meine Abteilung prüfte auf explizite Anordnung der Bafin Fälle aus den Jahren 2014-2017, die aus irgendwelchen Gründen durch das Raster der Analysesoftware gefallen sind. Die Deutsche Bank hatte scheinbar kein allzu großes Interesse hierbei allzu viele Fälle an die FIU zu melden. Auch als die Abfrage eines Terrorverdächtigen aufgrund eines Transliterationsproblems (Arabisch → Latein) keinen Treffer in der entsprechenden Datenbank ergab, und ich dies ansprach, wurde sofort Druck gemacht den Fall zu plausibilisieren. Selbst als klar war, dass der Hamas-Geldwäscher das Geld zwar überwies, die Ware jedoch an eine sanktionierte Papierfabrik in Syrien geliefert wurde, fragte mich meine Vorgesetzte nur, ob das holistische Bild vermittels der Prüfung der anderen Konten den Fall nicht plausibilisieren könnte. Unnötig zu erwähnen, dass der Kunde ansonsten Bitumen und Pappe mit Firmen aus den Vereinigten Arabischen Emiraten und Iran handelt. Zwei „Feedback-Gespräche“ mit meinen Vorgesetzten später analysierte ich die Besitzverhältnisse eines Libanesen mit Hilfe der ICIJ-Datenbank, als mich meine Chefin darauf hinwies, dass die Panama und Paradise Papers sowie die Offshore Leaks nur „legale Steueroptimierung“ indizieren würden. Dies sei schlicht eine gesetzliche Grauzone und kein Eskalationsgrund. Als ich ihr daraufhin erklärte, dass dies nicht stimmen würde, da es faktisch gesehen diverse Zeitungsartikel über Korruption, Steuerhinterziehung, Terrorfinanzierung etc. auf Grundlage der Informationen jener Datenlecks gibt/geben würde und ich das Firmengeflecht daher für eskalationswürdig halte/halten würde, wurde ich zwei Tage später gekündigt. Dies war mir jedoch relativ egal, da ich mich ohnehin im Sturzflug befand.

Zwar kann ich mich nun entscheiden, ob ich lieber an der Universität Potsdam Militärwissenschaften oder in den Niederlanden Philosophie studieren möchte, jedoch will ich nichts mehr als Gerechtigkeit. Ich wurde zersetzt. Ich bin bereit unterzugehen. Wie im Falle Karin Ritters (DDR) glaubt mir fast niemand in meinem näheren Umfeld auch nur ein Wort, obwohl ich indessen unterscheiden kann, was ich mir eingebildet habe und was nicht. Zweifel an der eigenen Wahrnehmung entstehen trotz alledem. Freunde wenden sich ab. Die Zersetzung wirkt. Karin Ritter hat sich daraufhin das Leben genommen. Da dieser Fall in Sicherheitskreisen und der Öffentlichkeit bekannt ist, gehe ich davon aus, dass man mich durch gezielte psychologische (ergo: Weiße) Folter in den Selbstmord treiben möchte – gerade da das Triggern durch das gezielte Einspielen von digitaler Werbung und Inhalten noch heute geschieht. Ich persönlich bin jedoch im Gegensatz zu Karin Ritter lieber wütend als traurig. Ist dies den Profilern nicht klar gewesen (www.monster.de )?

Wie geht man mit Leuten um, die einen töten möchten?

The next regression will be digital!

Preguntando caminamos!

Kommando Ortak!

Fiktionale Rohfassung

1Einige Szenen dieses Features im Gonzo-Stil können frei erfunden sein. Hinweise auf mögliche Straftaten gehören daher zur künstlerischen Freiheit. Dies ist eine extreme Kurzfassung. Es gab in den Jahren 2018, 2019 & 2020 genügend Situationen, um mit ihnen ein Buch zu füllen. Der vorliegende Aufsatz, welcher am 08.02.2021 an einem Tag entstand, ist daher als Leseprobe zu verstehen. Unter den Bedingungen monetärer Anreize wäre es möglich den Text zu erweitern.

2Da es hieß man müsse sich im Zuge eines Features auf unangenehme Fragen gefasst machen: Ich weine generell nur, wenn es um meine Eltern geht.

3Notabene: einer jener Mitbewohner hat einen jüdischen Familienhintergrund.

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 Dear Comrades,
I am a Menshevik and a stoner. Can I smoke cannabis and talk about Paschukanis and Rubin in Beijing? May I demand that the councils become more open and more powerful and that the Communist Party be dissolved? If so: I would like to have asylum.
I wonder:
Do you want to introduce such a system as I have described above in 2050*?
Or do you want to continue executing a collectivist Confucianism? Does it make me a Nazi to criticize you for Confucius, even though you see yourself as a Marxist? Is Marxism nowadays only a legitimizing ideology for the party? Or are you behind my Eurocentrism, which after all feeds on Marx?
I am a Marxist and an Adornite. I am a communist. Are you?
If yes:
ASYLUM!
Best regards
Julius Martin Michel

*(that is, once you have achieved world domination through totalitarian state capitalism and economic warfare against the West  – I have  „‚Determinate‘ negation (bestimmte Negation)“ determinate negated Friedrich Pollock insofar as I mean that his difference of totalitarian (China, UdSSR, Savez komunista Jugoslavije, etc.) and democratic state capitalism (Western World Order) is no longer valid, but that the difference is one of the intensities of repression)