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Zeitzeugeninterview mit Arno Hamburger

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2011

Zeitzeugeninterview mit Arno Hamburger1

Laemmergeier: „Hatten sie während der Emigration Kontakt mit deutschen Exilanten, und wenn ja, wie schätzten diese den Nationalsozialismus in Bezug auf seine Massenbasis und den Antisemitismus ein? Diese Frage stelle ich, da ja viele Exilanten ein starkes Vertrauen in das deutsche Volk hatten, welches den Nationalsozialismus ihrer Voraussage nach stürzen würde. Außerdem wurde der Antisemitismus nicht als die Ideologie der Volksgemeinschaft begriffen, sondern – falls dieser überhaupt reflektiert wurde-, als Randerscheinung.“

Hamburger: „Ja, also in der Emigration hatte ich eigentlich mit sogenannten Emigranten überhaupt keinen Kontakt. Ich war in einer Gemeinschaftssiedlung in Israel und hatte Kontakt zu einigen Jugendlichen, die ’39 mit mir zusammen ausgewandert sind und dem Dorf zugeteilt wurden. Das heißt, wir hatten eigentlich keinen Kontakt mit sogenannten Exilanten, die aus beruflichen Gründen oder schon in „vorgerückterem“ Alter – ich war damals 16 – ausgewandert sind.“

Laemmergeier: „Wieso kehrten Sie nach der Staatsgründung Israels nicht wieder dorthin zurück, sondern blieben in Deutschland? Und vor allem, wieso gerade Nürnberg, wo sie doch feststellten, dass die Atmosphäre in Nürnberg „schlimmer“ war als in anderen deutschen Städten?“

Hamburger: „Das ist leicht zu erklären. Ich bin am 27. Mai ’45 nach Nürnberg gekommen – in englischer Uniform. Ich war bei Kriegsende in Italien stationiert. Und ich hatte ja meine Eltern hier zurückgelassen, ich wollte ganz einfach klären, was mit meinen Verwandten passiert ist und bin dann von Italien direkt im Mai ’45 hierher zurückgekommen. Ich hatte das unbeschreibliche Glück meine Eltern am Leben zu finden, mein Vater wurde bereits ’39 im Mai zwangsverpflichtet zum Gleisbau; der Rest der Familie wurde in den Osten deportiert und [ist] (Einschub J.M. 2019) da umgekommen. Ich hab meine Eltern hier wiedergefunden und als einziges Kind habe ich dann ganz einfach die Verpflichtung gehabt, meinen Eltern zu helfen, in ein normales Leben zurückzukehren. Ich habe nächtelang mit meinem Vater diskutiert, weil ich nicht in Nürnberg bleiben wollte. Mein Vater war damals 45 Jahre alt, hat mir immer wieder gesagt, es wäre ihm nicht möglich nach allem was er hier mitgemacht hat, noch einmal von vorn anzufangen: eine neue Sprache zu lernen, sich eine neue Existenz aufzubauen. Er hatte sein Geschäft wieder zurückbekommen, das bereits 1933 enteignet wurde. Ich bin dann nach dem Militär im Jahre ’46 nach Nürnberg zurückgekehrt, um eben meinen Eltern zu helfen, wieder Fuß zu fassen im Leben, meinem Vater zu helfen, die jüdische Gemeinde aufzubauen. Ich hab eine Arbeit bekommen, eine Anstellung, beim ‚Office, Chief of Council for War Crimes‘ als Dolmetscher und Übersetzer bei den Nachfolgeprozessen und bin so dann in Nürnberg geblieben.“


Laemmergeier: „Offen antisemitisch konnten die Deutschen nach Kriegsende nicht mehr sein, deswegen war ein starker Philosemitismus die Folge. Doch viele jüdische Bürger spürten eine Distanz, ein Gefühl, dass sie nicht dazugehören. Wie kamen Sie mit den Deutschen aus?“

Hamburger:Eigentlich nicht – ich mein, das war ja nicht eine einseitige Sache, es war ja auch das Gefühl der Deutschen – als was definieren Sie Deutsche? – also die Mitbürger hatten ja auch in irgendeiner Form erhebliche Hemmungen den Juden gegenüber. Was zum Teil auch heute noch der Fall ist, wenn Sie Mitglieder der NPD nehmen, die sich jüdischen Mitbürgern gegenüber benehmen wie die Verrückten , dann muss man sehen , dass die Sache eigentlich zweiseitig war. Natürlich war es schwierig, wieder eine soziale Verbindung mit den Mitbürgern aufzubauen. Die ersten Jahre meiner Anwesenheit in Nürnberg ist mir der Kontakt mit der nicht-jüdischen Bevölkerung in Nürnberg relativ schwer gefallen, aber durch meine Arbeit mit Jugendlichen habe ich dann wieder Kontakt zu dieser Bevölkerung gefunden. Ich hab[e] (Einschub J.M. 2019) mich dann, seit meiner Rückkehr nach Nürnberg, dafür eingesetzt, dass die zwischenmenschlichen Beziehungen zwischen Nichtjuden und Juden wieder auf eine normale Basis gestellt werden. Ich bin einigermaßen stolz darauf, mitgeholfen zu haben, aus der Reichsstadt Nürnberg auch die Stadt der Menschenrechte zu machen. Ich bin jetzt seit fast 40 Jahren Mitglied im Nürnberger Stadtrat bis zum heutigen Tag, und das war auch ein Teil meine Lebenswerkes, den Versuch zu unternehmen, normale Beziehungen zwischen den Nichtjuden und Juden wiederherzustellen.“2

Laemmergeier: „Viele jüdische Rückkehrer haben eine starke Tendenz unter den Deutschen bemerkt als Entschuldung auf ihr eigenes Leid zu verwiesen, wenn sie erfuhren, dass ihr Gesprächspartner jüdisch war. Haben Sie ähnliche Erfahrungen gemacht?“

Hamburger: Es ist schwierig, die Leute sagen immer die Deutschen und die Juden, da frage ich: In welche Schublade stecken sie mich? In welche ? Ich bin hier in Nürnberg geboren, aufgewachsen, wie mein Vater auch , meine Familie – ich kann den Stammbaum zurückverfolgen nach Kolmberg in Mittelfranken bis zum Jahr 1617. Jetzt heißt es halt: Die Deutschen und die Juden. Das ist eine Ausdrucksweise, die sehr schwierig zu definieren ist. Und deswegen frage ich : In welche Schublade wollen Sie mich stecken?

Um auf Ihre ursprüngliche Frage zurückzukommen : Ja, das habe ich natürlich so erfahren. Man hat immer wieder versucht nicht die Täterrolle, sondern die Opferrolle zu spielen. Was natürlich aufgrund der Erfahrung der Vergangenheit schon etwas merkwürdig war und ist, bis zum heutigen Tag. Man kann natürlich nicht vergessen, was die Ursache der „Opfer“ Anführungszeichen und Schlusszeichen war. Man kann Ursache und Wirkung nicht vergessen. Man muss immer wissen, warum die Vertreibungen waren, warum die Bombenschäden auf deutsche Städte niedergegangen sind. Man muss immer Ursache und Wirkung sehen und dann sich ein Urteil bilden, oder klagen oder nicht klagen.“

Laemmergeier: Aber diese Ursache-Wirkung wurde ja nicht gesehen damals und auch bis heute nicht.

Hamburger: „Und zum Teil auch heute nicht. Wenn Sie die NPD sehen, die vorm Justizpalast in Nürnberg am Jahrestag in Nürnberg die Kriegshelden feiern, dann muss man sehen, dass es Leute gibt, die unverbesserlich sind.“

Laemmergeier: „Ja die gibt es ja auch auf der Seite der Sudetendeutschen [Einwurf 2020: Vgl. Eduard Lintner) und jährlich bei dem Jahrestag der Bombardements von Dresden.“

Hamburger: „Man muss auch sehen, warum es Vertriebene gegeben hat. Die Ursache war etwas anderes, als die Wirkung, die dann eingetreten ist. 1939 und 1940 und 1941 hat keiner gejammert, als die Polen oder die Tschechen aus ihren Gebieten vertrieben worden sind und andere da eingezogen sind.“

Laemmergeier: „Wurden ihre Kinder beim Spielen mit deutschen Spielkameraden oder in der Schule mit Antisemitismus konfrontiert?“

Hamburger: „Eigentlich nicht, meine Kinder sind hier in Nürnberg aufgewachsen. Sie haben genau gewusst, was Sache ist, und haben auch wenn ja irgendwo, irgendwann [etwas] (Einschub J.M. 2019) gefallen ist, was sich auf dieser Ebene bewegt hat, dann haben sie gewusst, wie dem entgegenzutreten war. Also im Großen und Ganzen kann man das nicht sagen.“

Laemmergeier: „Stellten die Zahlungen Deutschlands unter Adenauer an Israel für Sie den Versuch dar sich von der Geschichte freizukaufen?“

Hamburger: „Das war eine, ich weiß nicht wie es die Leute empfunden haben, es war – nur ein Bruchteil dessen was den Juden geraubt wurde, während der Nazizeit, wurde kompensiert. Wie das empfunden wurde bei manchen Zeitgenossen, das steht auf einem Blatt. Aber das war nicht eine „Freikaufung“, das war eine „Zurückbezahlung“ dessen was man geraubt hat. Wobei man Leben nicht bezahlen konnte und nicht bezahlen kann.“

Laemmergeier: „Archive wurden lange Zeit lang vor der Öffentlichkeit verschlossen, auch durften beispielsweise Einsichtnahmen in die Gestapoakten des Düsseldorfer Hauptstaatsarchiv nicht dazuführen, dass noch lebende Personen namentlich erwähnt wurden. Einem französischen Historiker wurde auch der Zugang zum „Berlin Document Center“ mit dem Hinweis, dass er Kommunist sei, verwehrt. Stellte dies für Sie einen Angriff des deutschen Staates gegen die Aufklärung und Aufarbeitung der Geschichte dar?“

Hamburger:„Natürlich hat man versucht die Gräuel, die allgemein bekannt waren, nicht auch noch präsentieren zu müssen. Man hat eben versucht, manches unter den Tisch zu kehren, was eigentlich schizophren ist, denn das was man gewusst hat und was man gesehen hat, was dokumentiert wurde, was zum Teil in Filmen festgelegt war, das kann man nicht leugnen und wenn man dann versucht einen Bruchteil dessen zu verschließen, dann ist das schizophren.“

Laemmergeier: „Die neue Linke, die sogenannte „68er Generation“, gilt bis heute als Vorreiter der Aufarbeitung, die das Schweigen der Deutschen gebrochen haben. Doch schon Ende der 60er Jahre beschränkte sich die Auseinandersetzung auf inflationäre Faschismusvergleiche, die die Besonderheit der deutschen Geschichte revisionierten. So bei dem Vietnam Krieg, den Notstandsgesetzgebungen und schließlich auch gegenüber Israel. Glauben Sie, dass diese Protestbewegung die Geschichte aufgearbeitet hat, oder dass ihre Faschismusvergleiche – und vor allem die Verkehrung der jüdischen Opfer in Täter – eine andere Art und Weise war, sich von der Geschichte zu befreien?“

Hamburger: „Man versucht seine eigene Schuld zu relativieren, indem man auf bestimmte Dinge hinweist, die einfach nicht vergleichbar sind.“

Laemmergeier: „Die Opfer in Täter zu verkehren.“

Hamburger: „Natürlich.“

1Einige Wörter wurden formal an die korrekte Rechtschreibung der deutschen Sprache angepasst, da ich bei Abhaltung des Interviews 18 Jahre alt gewesen bin. Inhaltlich sind die Fragen gleich geblieben.

2Nachtrag 2019: Die Nationalsozialisten haben die jüdischen Mitbürger – gleich ob gläubig oder nicht – nach den Nürnberger Rassengesetzen rassistisch kategorisiert und diese Front somit erst ins Leben gerufen.