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Gastbeitrag VI: Alfred Sohn-Rethel: Zur Kritik der subjektivistischen Ökonomie (samt einer kurzen Einleitung, einer Skizzierung der marxschen Wertformanalyse, einer philosophischen Analyse der Mathematik sowie eines kurzes Abrisses eines Forschungsprojekts für den INTCEN)

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Raw version – will be improved

At this point of the blog follows the guest contribution of Alfred Sohn-Rethel: On the Critique of Subjectivist Economics – including a short introduction, a sketch of the Marxian value-form analysis, a philosophical analysis of mathematics, and a brief outline of a research project for the INTCEN. Economics is a mathematical science. Mathematics is pure metaphysics and therefore philosophy. The critique of positivism and statistics is Critical Theory and no Critical Theorist does not have his own positivist research concept.
Sohn-Rethel’s work shall prove to which extent the reasoning of neoclassical economics is flawed, since the question of why goods have a „value“, i.e. can be expressed in „money“, is transferred to an „a priori“ (Immanuel Kant) of reason, instead of being developed dialectically. Libertarians like to point to the supply and demand mechanism without realizing that Marx himself knew that the market prices of the economy result from the oscillation of production prices via supply and demand. However, the production prices itself emerge by adding to the individual commodity the rate of profit necessary for society as a whole.
What is the value of a product according to the objective theory of value (Ricardo, Marx)?
It is not a subjective estimation of the human mind a priori (cf. neoclassicism), which would naturalize it again (cf. naturalistic fallacy), but it is the socially necessary labor time (Cf. Ricardo) contained in a product, which constitutes its value. Marx turned this into the socially average necessary labor time. The profit rates, which are different in each sector, because only human labor yields value and in some sectors exists a different composition of human labor and machine, is balanced out by the market to the general profit rate: Otherwise capital would always move to the most profitable sectors. This general rate of profit is added to the socially average labor time and results in the production prices. Market prices oscillate around these through supply and demand. The entire university theory of value thinks – with Hegel – only in the thought-forms of appearance (supply and demand), while the essence is working time:

„Decken sich Nachfrage und Angebot, so entspricht der Marktpreis der Ware ihrem Produktionspreis(…), da die Schwankungen von Nachfrage und Angebot nichts erklären als die Abweichungen der Marktpreise von den Produktionspreisen(…)Sobald sie sich decken, hören diese Kräfte auf zu wirken, heben einander auf, und das allgemeine Gesetz der Preisbestimmung tritt dann auch als Gesetz des einzelnen Falls hervor; der Marktpreis entspricht dann(…)dem Produktionspreis, der durch immanente Gesetze der Produktionsweise selbst geregelt ist.“ 
(K. Marx, Kapital III, MEW 25, 368.)

Translation Michel:
„If demand and supply coincide, the market price of the commodity corresponds to its production price, since the fluctuations of demand and supply explain nothing but the deviations of the market prices from the production prices(…)As soon as they coincide, these forces cease to act, cancel each other out, and the general law of price determination then also emerges as the law of the individual case; the market price then corresponds(…)to the production price, which is regulated by immanent laws of the mode of production itself.“
(K. Marx, Capital III, MEW 25, 368.)

As I have tried to show in another paper under Thesis IV, these profit rates are steadily declining as automation displaces the source of value, human labor, from the production process. This leads to the crisis processes described by Robert Kurz in detail.
With Sohn Rethel we would simply like to discuss the value analysis: The extent to which the value of a product is dialectically derived from labor time (objective value theory) and not from human estimation a priori (subjective value theory).
Doesn’t this essay negate the whole of university-based national economics through its fixation on subjective economics, since it can be deciphered with Sohn-Rethel epistemologically as a filter bubble?

What are the questions that Marxist economics still has to ask itself today?
Positivism: What does Piero Sraffa and his statistical analysis of the commodity form in the spirit of Ricardo mean for the law of the tendency of the rate of profit to fall?
Dialectical theory: What does the Tendency of the rate of profit to fall mean at all? Was it intended by Marx as a long-lasting crisis tendency theory? Or as an explanation for cyclical crisis and adjustment processes of the economy? I tend, as can be seen from Thesis IV, to the long-lasting crisis tendency and not to the explanation of cyclical fluctuations.
Be that as it may, volumes II and III of Capital were compiled after Marx death by Engels, which is why the theory was not completed. Volume VI was supposed to be an analysis of the state.

However, before Sohn-Rethel’s contribution begins, a brief schematic sketch of Marx’s value-form analysis will be presented. At the end follows a short critique of mathematics with the aid of an excerpt by Adorno and Alfred Sohn-Rethel (and an autoethnographic hate analysis of statistics):

Wertform
Wertform2
Wertformanalyse
Mehrwert
Kapitalsanalyse

The logical (Neomarxism as „Wertkritik“) and not historical (Cf. Traditional Marxism) interpretation of the frist 200 pages of Capital Vol. 1 was developed by Rubin who thus became the pioneer for Hans-Georg Backhaus, Helmut Reichelt, Robert Kurz, Norbert Trenkle, and Moishe Postone:

Wertkritik

Alfred Sohn-Rethel: Zur Kritik der subjektivistischen Ökonomie

a) Die Hypostasierung der wirtschaftlichen Ration

Man hat die Grundsätze der subjektivistischen ökonomischen Theorie auf sehr verschiedene Weise vertreten und formuliert – als ontologische Aussagen über den objektiven wirtschaftlichen Seinsbestand oder als methodologische Hypothesen von bloß heuristischem Geltungswert, als psychologische Realitäten, als phänomenologische Wesenheiten oder als logische Formen, und andere Verschiedenheiten noch –, und ungeachtet aller Unter­­­schiedlichkeiten in ihrer Auffassung und Bewertung sind diese Grundsätze selber mit frappierender Konstanz stets die gleichen geblieben. Manche (so Schumpeter) legen das nachdrücklichste Gewicht darauf, daß sie lediglich »wesentlich willkürliche Annahmen« seien, aber alle Willkür brachte es auch bei ihnen nicht zuwege, etwas wesentlich Andres anzunehmen als die Ontologen des Grenznutzens schon vor ihnen. Man formulierte die Grundsätze wohl ein wenig anders, man paßte sie einem andren erkenntnistheoretischen Standpunkte an, aber der Sache nach blieben sie ganz die gleichen. Die Meinungs­­verschiedenheiten betreffen faktisch bloß ihren Gebrauch, drehen sich um die Art und Weise, wie man im allgemeinen und im einzelnen mit der Handvoll Theoreme, die man hat – »Wertfunktion«, »Grenznutzen« und »Gesamtwert«, »Substitutionsprinzip« und »Tausch­­­relation«, »Zurechnung«, »Interdependenz« und »Gleichgewicht« – operieren solle, um die ökonomischen Probleme, die gestellt sind, am besten zu erfassen. Es ist ein Streit um die Methodologie der subjektivistischen Grundsätze, nicht um diese selbst. Von ihnen läßt sich wohl sagen: Formuliert sie, wie ihr wollt, nehmt sie, wofür ihr mögt, sie bleiben immer dieselben.

Aber was sind dann diese Grundsätze? Wenn sie faktisch nicht aus der methodologischen »Wahl« der Theoretiker entspringen und nicht deren mehr oder weniger gelungene Einfälle sind – und das sind sie ganz gewiß nicht – , so haben sie innerhalb der subjektivistischen Oekonomie 15 axiomatischen Charakter und müssen einen ganz bestimmten, durchaus nicht variablen, sondern absoluten Ort ihrer Geltung und eine ganz eindeutige Wurzel haben. Welche ist das nun? Diese Frage ist wichtig, ja wir halten sie zur Beurteilung der gesamten subjektivistischen Theorie für entscheidend. Wenn diese Axiome ihr eigenes Wesen haben, so läßt sich mit ihnen methodologisch auch nicht machen, was man will, sondern sie bestimmen dann umgekehrt den Geltungscharakter, das Geltungsgebiet, die Grenzen und das Anwendungsgebiet der Theorie, der sie zu Axiomen dienen. Wenn etwa in dem eignen Wesen dieser Axiomatik beschlossen läge, daß sie in einem grundsätzlich andren Felde ihre Geltung hat, als das der ökonomischen Problematik des Kapitalismus ist, so würde daran kein methodisches »Arrangement«, wäre es auch noch so kunstvoll und durchdacht, etwas ändern und jene zur Erfassung dieser Problematik fähig machen können. Und wenn es gleichwohl zur Aufstellung subjektivistischer Theorien von der kapitalistischen Wirtschaft gekommen ist, so wäre durchweg deren tatsächliche Leerläufigkeit erweisbar, so nämlich, daß diese Theorien zwar in sich stimmig sind, daß sie aber das geschichtlich wirkliche Problem der kapitalistischen Oekonomie überhaupt nicht in die Fänge bekommen, sondern es außerhalb ihres Begriffsbereichs sich in dämonischer Gewalt vollziehen lassen, um eines Tages selbst von ihm verschlungen zu werden. Darum, wenn wir bei der Frage nach dem Wesen der subjektivistischen Axiomatik selbst einsetzen, so ist es das Problem der Adäquatheit der sub­­jek­­tivistischen Theorie im Ganzen zu ihrem Gegenstand, d.i. zur Problematik der kapitalistischen Wirtschaft in ihrer geschichtlichen Wirklichkeit, das wir aufzurollen gedenken. Und in der Tat ist dies der Sinn und die Richtung der gegenwärtigen »Kritik der subjektivistischen Oekonomie«.

Zunächst, wann und wie ist man auf diese Axiomatik gestoßen? Wie zu aller verkehrswirtschaftlichen Analyse war der theoretische Ausgangspunkt der Tausch. Auch für die Klassiker war er es gewesen. Aber die Klassiker hatten den Tausch als die Grundform einer sich selbsttätig nach allgemeinen Gesetzen regulierenden Gesellschaft vor sich liegen gehabt, und ihre Tauschanalyse war die Begründung dieser Selbsttätigkeit, der Tausch der Ort und Geltungsträger ihrer objektiven Norm, des Wertgesetzes. Die subjektivistische Theorie stammt aus der Zeit, als in diese Selbsttätigkeit ein Bruch kam. Die Anhänger der klassischen Grundsätze und Anschauungen, soweit es solche Gläubige noch gab, sahen in dem veränderten Wege, den der Kapitalismus in den siebziger Jahren in wichtigen Ländern einschlug, in der grundsätzlichen Abkehr vom Prinzip der freien Wirtschaft, in der Wendung zum Schutzzoll, zur Sozialpolitik, zur aktiven Anteilnahme des Staats an den Interessen und Geschicken der Wirtschaft, andererseits in dem bedrohlichen Anschwellen der politisch organisierten Arbeiterbewegung und in ihrem Eindringen in die Parlamente, und auf der Seite der Wirtschaft selbst in der Gruppierung ihrer Zweige zu geschlosseneren Formationen und ihrer Interessen zu politischen Mächten und Parteien, in der alsbald auch beginnenden Tendenz zu organisierter Marktpolitik durch Kartelle – kurz in dieser an den verschiedensten Stellen etwa gleichzeitig und mit unwiderstehlichem Druck sich durchsetzenden Transformation des ganzen Baues der Wirtschaft, des Staats, der Gesellschaft sahen die Verfechter der klassischen Doktrin den Bestand des gesamten Systems bedroht, weil seine Gesetze außer Kraft gebracht würden, sein Regulativ ausgeschaltet, die Verknüpfung der Arbeitsteilung mit der freien Konkurrenz, der Geltungsgrund des »Wertgesetzes«, aufgehoben würde. Es war also die Frage nach den Bestandsgrundlagen des kapitalistischen Wirtschaftssystems neu gestellt. Hing dieses wirklich von der freien Konkurrenz ab, waren das »freie Spiel der Kräfte« und das klassische Wertgesetz tatsächlich seine unerläßlichen Bedingungen, oder war sein Grundgesetz vielleicht von anderer und allgemeinerer Natur, so daß es in seinem Bestande von dem gegenwärtigen Methodenwechsel nicht gefährdet und betroffen wurde? Und hierauf gab nun die neue Theorie die positive Antwort. Wo die Klassiker von der »freien Konkurrenz« sprachen, sagte man jetzt »Substitutionsprinzip«, wo sie sich auf das »freie Spiel der Kräfte« und die »Harmonie der Interessen« beriefen, erwiderte man ihnen mit der »Interdependenz« der wirtschaftlichen Größen und dem »Gleichgewichtszustand« ihres Systems, wo sie auf das »Wertgesetz« pochten, hielt man ihnen die Bestimmung der Austauschverhältnisse nach dem bloßen »Grenznutzen« entgegen. Denn mit dem Prinzip der Interdependenz war der Schutzzoll durchaus verträglich, mit dem indifferenten Prinzip des Gleichgewichts auch eine imperialistische Wirtschaftspolitik im Einklang, nach der Logik des Grenznutzens war, wenn es sein mußte, selbst der Monopolist noch ein korrektes kapitalistisches Wirtschaftssubjekt, und das Substitutionsprinzip war überhaupt das Regulativ jedes Wirtschaftens schlechthin. Kurz, man hatte eine Basis gefunden, von der aus der Kapitalismus so gut freier Konkur­­renzkapitalismus wie staatlich gelenkter oder privatmonopolistisch sich organisierender Ka­­­pi­­talismus sein konnte, ja eine Basis, auf der, wie es schien, der Kapitalismus sich überhaupt durch jedwede äußere Verfassung intangibel mußte durchhalten können, denn in der neuen Fassung waren seine Gesetze identisch mit den allgemeinen Gesetzen von »Wirtschaft« überhaupt und mit allen Formen von Gesellschaft gleich vereinbar. Und indem man dergestalt für die »Wirtschaft« die Fesseln der liberalen Grundsätze abgeschüttelt hatte, setzte man sie auch aus dem verhängnisvollen Automatismus frei, der sie in den Kreis des von Marx gezeichneten Untergangsschicksals bannte.

So wie di e neue Theorie ihre Grundlagen formulierte, war der Gang ihrer Entwicklung der Gesellschaft wieder in die Hand gegeben, die Wirtschaft nicht mehr Schicksal und Verhängnis, sondern Instrument für den Willen zur Macht und zur Dauer, zur Expansion und zur Führung. Die subjektivistische Theorie inauguriert die Ära des manipulierten Kapitalismus und ist die ihm adäquate »bürgerliche Oekonomie«! – An ihrem neuen Standpunkt wurden daher nun die bisherigen Positionen zum antiquierten Dogmatismus von Ideologen und Doktrinären, die die Welt in Prinzipien einzufangen und ihr Heil von deren Verwirklichung abhängig glaubten. Man konnte sie leicht ad absurdum führen, im übrigen aber ihren Scheuklappen überlassen, derweil man selber »positive Arbeit« leistete und der wirklichen Welt gab, was die wirkliche Welt brauchte. Denn indem man die kapitalistische Wirtschaft zur Wirtschaft überhaupt, zur ökonomischen Sache selbst machte, hatte man in der Tat die Wirklichkeit selber, in der man stand, neu begründet, und nicht nur in der Oekonomie, sondern auf allen Gebieten der Erkenntnis war diese Wirklichkeit wiederum zur kritischen Instanz darüber geworden, was bloße Metaphysik und was Wissenschaft war.

Man hatte die Wirklichkeit der alten Kampfposition um Sein oder Nichtsein der bürgerlichen Welt aus der Hand genommen und sie auf einer neuen Ebene zu bloßer Empirie neutralisiert, auf deren Basis von neuem begonnen werden konnte; auch die politischen Alternativen griffen nicht mehr an die Wurzel der bestehenden Ordnung selbst, sie wurden zu Parteien, deren Differenzen erst auf ihrem vorausgesetzten Grunde sich erhoben. Es war, mit einem Worte, von neuem gelungen, den Standpunkt der gegebenen kapitalistischen Wirklichkeit mit dem Standpunkt von Wirklichkeit überhaupt und mit dem Standpunkt der Wissenschaft, ja der Wissenschaftlichkeit selbst zu identifizieren. Nur noch das praktische »Resultat« innerhalb dieser Wirklichkeit und für sie entschied über den Wert der Standpunkte, eine absolute, die Erfahrung selbst präjudizierende Wahrheit der Voraussetzungen gab es nicht; die früheren philosophischen Systeme waren jetzt bestenfalls noch als gewisse »methodologische Standpunkte « zu werten, ihre Philosopheme allenfalls als »Arbeits­­hypothesen« akzeptabel, auf deren bloße »Brauchbarkeit« und »Fruchtbarkeit« für die jewei­­ligen Zwecksetzungen und Aufgabenstellungen der empirischen Forschung es ankam. Dieser Positivismus, Pragmatismus und Empirismus war die Einstellung und Haltung, mit der man den wieder offen und frei gewordenen Weg in die Zukunft beschritt, vor deren unbeschränkt erscheinenden Möglichkeiten man stand wie jemand, der aus dem lähmenden Alpdruck eines schweren Schlafs in die unbelastete Wirklichkeit zurückkehrt. Man hatte noch einmal wieder ein Pathos gefunden, das Pathos des Erfolgs und des Vorrangs der »positiven Leistung« über alle philosophischen Verbindlichkeiten. Auf dieser Grundlage der rekonsolidierten kapita­­­listischen Wirklichkeit regte sich überall das »Wiedererwachen der Theorie«, denn auf diesem Boden durfte sie wiedererwachen, ja auf ihm brauchte man sie, um dieselben Probleme jetzt im eignen Sinne aufzugreifen, die bisher als feindliche Gefahr alles Leben der bürgerlichen Theorie erstickt hatten. Die Philosophen erkannten nun die »Geisteswissenschaften« nicht nur an, sie entdeckten sie sogar und schufen ihnen »erstmalig« die wissenschaftlichen und erkenntnistheoretischen Grundlagen. Sogar im Marxismus erkannte man plötzlich wahre Gehalte, denn so wie die Voraussetzungen der bisherigen »Systeme« an dem Himmel der Metaphysik und der »Religion« entschwanden, sanken die sozialen Bewegungen, die sie trugen, in bloße Empirie hinab, und die Soziologie erneuerte sich an der Aufgabe, sie auf Empirie auch wissenschaftlich und methodengerecht zurückzuführen. Und diesem neuen Verhältnis zur »Wirklichkeit« entspricht nun auch die sachliche Grundlage der neuen ökonomischen Theorie. Sie besteht im Grunde in der gleichen alten These, auf der auch die klassische Theorie schon beruhte, für die man jetzt aber eine neue, anscheinend nur aus der Empirie gezogene Begründung fand.

Die These der »bürgerlichen Oekonomie« war immer gewesen, daß ihre Kategorien natürliche und normativ gültige, und keine sozial und geschichtlich bedingten Kategorien sind. Denn die »bürgerliche Oekonomie« besteht selber eigentlich darin, die »Wirtschaft«, d.i. die kapitalistische Wirtschaft, zum Gegenstande einer eignen, selbständigen Wissenschaft zu machen, ihr also eine eigne »Natur« und eine eigene, in sich selbst oder in der »Sache« begründete Gesetzmäßigkeit und Notwendigkeit zu vindizieren. Mit jener These steht und fällt somit die Möglichkeit der Oekonomie als selbständiger theoretischer Wissenschaft. In der Weise jedoch, wie die Klassiker auf dieser These fußten, konnte sie nicht mehr vertreten werden. Denn erstens leitete sich bei ihnen die normative Gültigkeit der ökonomischen Theoreme aus der natürlichen Vernünftigkeit der kapitalistischen Gesellschaftsordnung selber her, d.h. sie behaupteten normative Gültigkeit der ökonomischen Kategorien nicht bloß im Sinne der Unabhängigkeit derselben vom Gesellschaftlichen, sondern begriffen dieses unter ihr mit, behaupteten sie also im Sinne ihrer gesetzgebenden Gewalt auch für die gesellschaftliche Ordnung. Und diese Ineinssetzung von Oekonomie und Gesellschaftslehre, die der klassischen Theorie so teuer zu stehen gekommen war, die sich aber eben auch nur aus ihren metaphysischen Prämissen erklärte, war jetzt vor allen Dingen zu zerschlagen; es war zu einer unbedingten »methodologischen« Forderung geworden, die Theorie der Wirtschaft von den Theorien über die Gesellschaft zu trennen. Zweitens hatten die Klassiker das bloß erkenntnistheoretische Postulat einer inneren Notwendigkeit und Logik in der Ordnung der »Wirtschaft« mit der ontologischen Behauptung der äußeren, geschichtlichen Notwendigkeit des Daseins dieser Wirtschaft verwechselt, und indem sie damit der kapitalistischen Ordnung die ontologische Sanktion zu geben glaubten, war gerade dieser Anspruch zur gefährlichen Angriffsfläche geworden und von Marx geradezu durch die ontologische Begründung des notwendigen geschichtlichen Untergangs dieser Ordnung ersetzt worden. Also war es eine unbedingte »erkenntnistheoretische« Forderung, allen ontologischen Charakter in der ökonomischen Wissenschaft auf das Peinlichste zu vermeiden und das Problem der Wirtschaft ganz und gar von den Problemen der Geschichte zu trennen. Endlich aber hatte die klassische Verkupplung der ökonomischen mit den sozialen Problemen auch zu dem praktischen Übelstand geführt, den intakten Bestand und das reguläre Funktionieren der kapitalistischen Wirtschaft an ganz bestimmte Formen der Gesellschaft als Bedingungen zu knüpfen. Und jetzt kam es grade darauf an, diese Bindungen zu durchbrechen, die kapitalistische Wirtschaft aus den bisher (zumindest theoretisch) festgehaltenen gesellschaftlichen und staatlichen Formen herauszulösen und sie unter anderen fortzuführen. Es kam mithin auch theoretisch darauf an, ihre eigentlich konstituierenden Prinzipien so zu bestimmen und zu formulieren, daß sie von allen und jeden besonderen gesellschaftlichen Formen unabhängig erschienen und als auf ein Gesetz gegründet, das inmitten aller gesellschaftlichen und geschichtlichen Wandlungen inalterabel und zeitlos gültig bleibt. Es galt mit einem Worte, jener allgemeinen These aller bürgerlichen Oekonomie dadurch eine Begründung zu geben, daß man neue normative und natürliche Kategorien für sie fand, und diese Kategorien mußten nunmehr die natürlichen und normativen Kategorien des »Wirtschaftens« schlechthin und an und für sich sein. Das heißt aber: Man mußte das kapitalistische Wertphänomen, den Warenwert, zum bloßen Problem der »wirtschaftlichen Ratio« an sich machen! Nur auf diese Weise war aufs neue ökonomische Theorie als normative Wissenschaft möglich, d.h. nur so war eine neue und die jetzt geforderte bürgerliche Oekonomie möglich. Mithin , die theoretische Grundlage der subjektivistischen Oekonomie und zugleich ihr ganzes und einziges Geheimnis ist: die Hypostasierung einer normativ autonomen wirtschaftlichen Ratio!

Wie aber läßt sich eine wirtschaftliche Ratio im normativen Sinne hypostasieren und was bedeutet diese Ratio? Wir wollen nicht von der Art und Weise ausgehen, wie die Begründer der subjektivistischen Theorie sie gewonnen haben, obgleich ihre Reduktion des Wertphänomens an Deutlichkeit in dieser Hinsicht nichts zu wünschen übrig läßt. Besteht doch diese Reduktion in dem Regreß, worin sie von dem spezifisch gesellschaftlichen und geschichtlichen Phänomen des interpersonalen Tausches, also doch des Warentausches, auf die Reflexion der tauschenden Subjekte zurückgehen, um diese Reflexion eines warentauschenden Subjektes als Fall von wirtschaftlich rationalem Denken überhaupt zu statuieren, das sie seinerseits dann für gewöhnlich am Robinson als seiner idealen Exerzierpuppe des näheren demonstrieren und im einzelnen auf seine Prinzipien bringen. Wollten wir uns aber nur hieran halten, so möchte unsre Kritik vielleicht nur auf den besonderen Weg bezogen werden, welcher gerade hier und speziell von den »Psychologen« der Grenznutzentheorie eingeschlagen wird, um die normative wirtschaftliche Ratio zu gewinnen, nicht aber auf die innere Bedeutung, die diese an sich selber hat, nicht also auch auf die subjektivistische Theorie überhaupt und in ihrem von aller Begründungsweise unabhängigen Wesen. Halten wir uns daher nur an die wirtschaftliche Ratio selbst.

Wenn man überhaupt ein besonderes »wirtschaftliches Denken« annehmen will, das von andern Arten des Denkens oder unseres »Vernunftgebrauchs« durch eine ihm eigen­­tümliche Logik oder eine nur ihm eigene rationale Norm unterschieden sei, d.h. soll überhaupt von »wirtschaftlichem Denken« die Rede sein können, so kann dasselbe schlechterdings nur als Wertrechnung bestimmt werden. Einerseits ist klar, daß nicht das Werten selbst seine Sache ist, da ihm das Quale der Wertungen, als aus gänzlich andren, nicht rationalen Quellen gespeist, vielmehr »je schon« als gegeben vorliegt (darum auch alles das, was das Faktum des Wertens selber an empirischen Bedingungen psychologischer, physischer, umweltlicher und sonstiger Art in sich schließt). Vom Werten ist das wirtschaftliche Denken dadurch unterschieden, daß es Denken und durch und durch rational ist; es bezieht sich zwar auf Werte, aber nur, um mit ihnen zu rechnen, und dieses Rechnen und nur es ist der Inhalt aller seiner Operationen. Andererseits ist es von sonstigen Arten des Rechnens dadurch spezifisch verschieden, daß sich seine Ratio, obgleich pure Ratio, eben auf Werte bezieht, also daß es nicht das Rechnen überhaupt (bloße Algebra und Mathematik), sondern speziell das Rechnen mit Werten ist; und diese Werte und nur sie bilden den Maßstab seines Rechnens. Somit: Rechnen überhaupt, aber mit Werten, und Werte jeder Art, aber sofern mit ihnen gerechnet wird, – in diesem Sinne ist Wertrechnung die Definition von »wirtschaftlichem Denken«, und zwar die einzig mögliche Definition, die sich finden läßt, wenn man im normativen Sinne die besondere genus »wirtschaftliches Denken« prägt. Und in der Tat, wenn man die Frage stellt: Was ist ein »wirtschaftlicher Wert«? – so ist darauf materiell gar keine eindeutige Antwort zu geben, denn ein wirtschaftlicher Wert kann ebensogut ein Paar Schuhe wie die Farben eines Malers oder die Weihkerzen für einen Gottesdienst sein. Die Frage kann vielmehr nur heißen: Wann erhalten ein Paar Schuhe oder die Farben oder die Weihkerzen die Bedeutung von wirtschaftlichen Werten? Und darauf gibt nun die Praxis der modernen Gesellschaft die sehr eindeutige Antwort: wenn sie nur für Geld zu haben, d.h. wenn sie Waren sind; denn ihr Charakter als Waren zwingt dazu, mit ihnen als Werten zu rechnen. Die »wirtschaftliche Ratio« ist nicht Sache des Wirtschaftens – da sie ja eben nicht bloß wirtschaftliche, sondern geradesogut ästhetische, religiöse, moralische Sachgehalte betreffen kann –, sondern sie ist Sache der Warenform. Die Warenform ist es daher, und zwar essentiell, was in Wahrheit von der subjektivistischen Theorie zur normativ autonomen Ratio des Wirtschaftens hypostasiert und aller ökonomischen Wissenschaft als das System der »reinen Oekonomie« oder der »ökonomischen Statik« zugrundegelegt wird. Die subjektivistische Oekonomie ist der Standpunkt der absoluten Befangenheit im »Fetischcharakter der Ware«; während die klassische Theorie doch wenigstens noch das »ontologische« Bedürfnis hatte, in ihren »ökonomischen Gesetzen« die geschichtliche Wirklichkeit der kapitalistischen Gesellschaft zu fassen, hat die subjektivistische Theorie auch dieses Fenster noch geschlossen und sich licht- und schalldicht in die Warenform eingemauert, um sich deren Spiegelbilder als »reine Oekonomie« an die Wände ihrer Blindheit zu projizieren.

Die Identitätsreihe von wirtschaftlicher Ratio – Wertrechnung – Warenform enthält das ganze Geheimnis der subjektivistischen Wertlehre. Das ökonomische Wertphänomen steckt in der Warenform oder ist diese selbst. Die subjektivistische Theorie trennt es von ihr, verselbständigt es und macht es zur »wirtschaftlichen Ratio«. Damit erhält es einen Titel, unter dem es ein Andres geworden scheint, und durch ein Quid pro quo hat man den Deduktionsgrund gewonnen, aus dem das Wertphänomen aufs neue und als aus originärer Quelle hergeleitet werden kann. Und in Wahrheit ist doch die Findung dieses Andren eine bloße Hypostasierung und die Setzung der wirtschaftlichen Ratio nur das Voraussetzen des Wertphänomens; denn wirtschaftliche Ratio ist Wertrechnung, und eben das bloße Faktum von Wertrechnung ist schon das ganze Wertphänomen. Um jetzt noch das Begründung­­sproblem des Wertphänomens zu stellen, müßte man gradezu die Ursprungsfrage der »wirtschaftlichen Ratio« stellen und – stünde mitten in der uferlosesten Metaphysik; denn da die wirtschaftliche Ratio als normativ autonom hypostasiert ist, wäre das die Frage nach dem Ursprung des Normativen und der Geltung überhaupt, beträfe also die Antinomie von Geltung und Genesis, die sich bekanntlich bei allen idealistischen Problemstellungen als unlösbares Welträtsel auftut. Man sieht, das echte und wirkliche Begründungsproblem des ökonomischen Wertphänomens ist hier definitiv abgeriegelt, ist aus dem gesamten Fragekreis der Theorie ausgesperrt und eliminiert, es kommt vom Anfang bis zum Ende der subjektivistischen Oekonomie für dieselbe nicht mehr vor; es ist zu der unmöglichen Frage schlechthin geworden, und die wirkliche Begründungsfrage des Wertes steht im Zeichen purer Metaphysik. An ihrer Stelle steht die »bescheidene«, aber »einzig wissenschaftliche« Aufgabe, die Wertrechnung nur in sich selbst und nach ihren bloßen gedanklichen Voraussetzungen und Formen zu analysieren und diese Formen als die reinen, originären und logisch normativen Prinzipien der wirtschaftlichen Ratio überhaupt zu formulieren, sodaß sie nun als die apriorischen Geltungsnormen des Wirtschaftlichen über aller Geschichte schweben und den Warenwert als einen bloßen Spezialfall ihrer Anwendung unter sich begreifen. Zum Unglück ist aber die Ebene des Begründungsproblems des Wertphänomens die Ebene der gesamten geschichtlich wirklichen Problematik der kapitalistischen Warenproduktion, weil diejenige, deren Ausgeburt und bloßer Spielball gleichsam das Wertphänomen und die Warenform selbst erst sind, und so ist denn durch die Hypostasierung der wirtschaftlichen Ratio nichts geringeres als die gesamte wirkliche Problematik des Kapitalismus aus dem Begriffs- und Gesichtsfeld der subjektivistischen Oekonomie ausgeschlossen. An ihre Stelle tritt die Exegese der Warenform, die hier als »reine Oekonomie« die Weihen des character indelebilis empfangen hat; die Fluten der geschichtlichen Welt haben sich zerteilt in den normativen Kanon der »ökonomischen Geltung« hier und die formlose Mannigfaltigkeit von empirischen »Daten« dort, wobei die Mannigfaltigkeit de r Gnade ökonomischer Ordnung und Gesetzmäßigkeit nur teilhaftig wird, soweit es durch »heuristische Konstruktionen« und kunstvoll durchdachte »Arrangements« dazu gebracht werden kann, sich jenem Kanon unterzuordnen und als ihm gemäß zu erscheinen. Wie bei Kant die objektive Erfahrung, so beruht bei den Subjektivisten die ökonomische Ordnung auf reinlicher Scheidung: der normative Kanon des wirtschaftlichen »Vernunftgebrauchs« ist ihre reine Form, das historisch »Gegebene« ihr bloßer Stoff. Und wie bei Kant an die Stelle des Begründungsproblems der Wirklichkeit die »Analytik der Er­­kenntnis«, so tritt in der subjektivistischen Oekonomie an die Stelle des Begründungs­­problems der kapitalistischen Warenproduktion die Analytik des »wirtschaftlichen Denkens«.

Das wirtschaftliche Denken ist ihr dabei originär gegeben, gegeben daher auch dessen essentialer Gehalt als Wertrechnung. Aufgegeben ist die Wertrechnung als das autonome Vermögen der wirtschaftlichen Ratio, die Quantifizierung der Werte als gemäß den bloßen Prinzipien derselben zu erfassen. Denn da die wirtschaftliche Ratio als normativ autonomes Vermögen und also als der originäre Urquell aller ökonomischen Geltung verstanden wird, so stehen ihr andre Hilfsquellen nicht zur Verfügung als die sie allein in sich selber hat (– die Warenform ist das alleinige und autonome Vermögen der ökonomischen Norm). Da nun Wertrechnung das Rechnen mit Größen nach dem Maßstab von Werten ist, so liegt ihr zuunterst eine Maßbestimmung von extensiven Data nach intensiven Data zugrunde. An und für sich aber haben äußere oder extensive Vorgänge ihrem empirischen Charakter nach mit inneren und intensiven Vorgängen nicht das mindestursprüngliche Beziehungs- und Vergleichsverhältnis, sie sind einfach nur anders, mag im übrigen im gegebenen Falle eine Kausalität zwischen ihnen bestehen bzw. angenommen werden oder auch nicht. Das Eigene der Wertrechnung jedoch ist, daß sie eine solche Beziehung, nämlich ein quantitatives Maß­­verhältnis zwischen beiden voraussetzt, es als bestehend fordert, und mit dieser Forderung hebt sie eigentlich an. Nun sollte wohl die Frage sein, woher diese Forderung stammt, das wäre aber, woher es zum Faktum der Wertrechnung selber kommt; diese Frage würde den fetischistischen Bannkreis sprengen, das Begründungsproblem des Wertes wieder aufbrechen, denn diese Forderung liegt in der Warenform verankert, in der die Gütermengen als Wertgrößen auftreten. Als Waren treten die Güter den Menschen so vor Augen, daß jene Forderung »je immer« erfüllt ist; die Frage wäre also, warum die Güter Waren sind, womit man sich im Felde geschichtlicher Wirklichkeit befände. Im subjektivistischen Ansatz ist aber dieser Weg gerade gesperrt; wie die Warenform selbst als normativ originäre wirtschaftliche Ratio, so tritt hier jene primäre Forderung der Wertrechnung als deren ursprüngliche Anlage und ihre Erfüllung als deren spontanes Vermögen auf. Damit entzieht sich das eigentliche Problem des Wertes vor allen weiteren Fragen ins Dunkel der apriorischen Möglichkeit, und für die subjektivistische Theorie ist die Frage nur, welche Form das Maßverhältnis hat, das hier statthaben soll, denn daß es statthat, ist in der Hypostasierung des wirtschaftlichen Denkens als Voraussetzung enthalten. Diese bloße Form des Maßverhältnisses ist aber axiomatisch und mit der Apodizität eines »transzendentalen Grundsatzes des reinen Verstandes« in dem Verhältnis gegeben, das überhaupt zwischen extensiven und intensiven Data besteht, wenn zwischen beiden ein Maßverhältnis postuliert wird, d.h. wenn postuliert wird, daß in quantitativer Hinsicht das eine Datum die Funktion des andren sein soll. Dieses Verhältnis ist nämlich, daß innerhalb einer solchen Beziehung die intensiven Quantitäten (als Grade) sich relativ zu den extensiven (als Mengen) immer überproportional verändern; und nur dies und nichts andres ist es, was die sogen. »Wertfunktion« ausspricht, nur dies also auch der eigentlich gültige Kern des sogen. »Grenznutzengesetzes«. Damit wäre aber, wenn das stimmt, die gesamte Grenznutzenaxiomatik, in welcher Form sie auch sonst immer vorgetragen werden möge, von A bis O als pure Logik angesprochen, nämlich als die Logik der Wertrechnung oder als die Logik desjenigen Verhaltens, das die kapitalistische Warenproduktion bei den waren­­tauschenden Subjekten impliziert: und es ist in der Tat unsre Ansicht, daß sie das sei.

Dieser Auffassung widerspricht nun allerdings die Art und Weise, wie das Grenznutzengesetz von den Begründern der neuen Theorie dargestellt worden ist, denn von ihnen wird es als rein empirischer Tatbestand ausgegeben, der auf Seiten der Güter in ihrer (relativen) »Seltenheit« und auf Seiten der Subjekte in der Natur der menschlichen Bedürfnisse und ihrer Befriedigung, nämlich im »Gesetz der Bedürfnissättigung«, gründe. Ohne nun zunächst auf die Frage einzugehen, ob diese Begründungsweise in sich selber stimmt, wollen wir uns zuvor darüber klar werden, was denn hier eigentlich begründet werden soll, oder was begründet werden müßte, damit dem Anspruch der subjektivistischen Methode, eine Methode der ökonomischen Theorie zu sein, Genüge geschähe. Was also steht für die subjektivistische Theorie in ihrer Wertlehre eigentlich in Frage? Wenn die subjektivistische Methode die Warenform als wirtschaftliche Ratio hypostasiert, so logifiziert sie die Warenform. Sie folgt dem allgemeinen Rezept alles bürgerlichen Denkens, die Eigentümlichkeiten der bürgerlich kapitalistischen Welt zu normativen Problemen der Subjektivität zu machen; in dieser erscheinen sie dann als die unmittelbaren und ursprünglichen Formeigentümlichkeiten unserer »Ratio«, unseres »Denkens«, unserer »Vernunft«. In der Warenform aber stecken auch die besonderen Voraussetzungen, die ihr in der Geschichte faktisch zugrundeliegen; aber sie stecken auf eine besondere Weise darin, nämlich nur, soweit sie im gedanklichen oder begrifflichen Gehalte der Warenform und auch ihres subjektiven Korrelates, der Wertrechnung, als denknotwendige Voraussetzungen, Bestimmungen, Folgen angelegt sind und somit nach der Methode der logischen Analyse herausgeholt, explicit gemacht, auf ihre Prinzipien gebracht werden können. Diese explicit gemachten und auf ihre Prinzipien gebrachten inneren Voraussetzungen und denknotwendigen logischen Momente der Warenform qua Wertrechnung sind die subjektivistischen Theoreme. Sie entsprechen also den wirklichen geschichtlichen Voraussetzungen der Warenform, aber auf eine sonderbar entstellte Weise, in der sich ihr faktischer materialer Gehalt oder ihre wirkliche ökonomische Bedeutung nicht ohne weiteres erkennen läßt. Was bedeutet also das subjektivistische Prinzip der »Seltenheit«, und was mithin die Gründung des wirtschaftlichen Wertes auf die »Seltenheit«?

Was den Menschen im jungfräulichen Urwald zuwächst, hat keinen wirtschaftlichen Wert, Luft, die wir beliebig atmen, hat keinen wirtschaftlichen Wert, Wasser, das uns als Naturgabe vors Haus fließt, hat keinen wirtschaftlichen Wert. Sondern wirtschaftlichen Wert hat nur, was sein Dasein und die Maße, Qualitäten, Umstände, in denen es existiert, der menschlichen Gesellschaft verdankt, und zwar von allen Jahrtausenden der menschlichen Geschichte auf Erden her. In der kapitalistischen Gesellschaft haben diese Dinge, die ihr Dasein der Gesellschaft von ihrem ganzen geschichtlichen Weg her verdanken, die Form der Ware. Marx nennt dasjenige, vermöge dessen die Menschen in ihrem gesellschaftlichen Dasein miteinander Dinge hervorbringen, die nicht schon von Natur da sind, die Arbeit, und zwar die Arbeit nicht in ihrer bloßen Unmittelbarkeit, sondern ausgestattet und ausgerüstet mit der gesamten Erbschaft aller in den voraufgegangenen Zeiten der Geschichte erworbenen Fähigkeiten und Mittel, aber dies Ausgerüstete als menschliche Arbeit. Und weil nun in der bürgerlichen Gesellschaft die aus der geschichtlichen Leistung der menschlichen Gesellschaft stammenden Dinge im Unterschied von allem, was nur vo n Natur aus und für die Natur da ist, auch eine spezifische Form annehmen, eben die Warenform, so wird hier zum ersten Male in der Geschichte der Menschheit deren eigentliche Grundlage sichtbar, die Arbeit, und zwar als »Arbeit sans phrase«, als Arbeit in ihrer puren, kategorialen Gestalt von menschlicher Arbeit überhaupt. Der natürliche Mystizismus und mystische Naturalismus, worin den Menschen ihre eigne geschichtliche Welt als theologisches Mysterium erschien, verschwindet hier, der Mensch hat es nur mehr mit sich selbst zu tun; aber er hat es in einer so eigentümlichen Form mit sich selbst und seiner menschlichen gesellschaftlichen Welt zu tun, daß er sich selber nun in dieser Welt auf dem Kopfe stehend begegnet und seine eigenen gesellschaftlichen Produkte, nachdem sie zu Waren enttheologisiert sind, ihrerseits selbst in einer mystischen Verkleidung auftreten. Aber diese Mystik hat schon nichts mehr mit Religion zu tun, sie ist purer Fetischismus, die mystische Verkleidung nur noch ihrer eignen menschlichen Verhältnisse für die Menschen; d.h. diesen Fetischismus aufzudecken will nicht mehr Ende der Welt oder Kommen des Messias, es will soziale Revolution besagen. Die Produkte der gesellschaftlichen Arbeit, und zwar von allen Jahrtausenden der Geschichte der Menschheit her, treten hier nicht als Arbeitsprodukte auf, sondern sie sprechen ihre Herkunft aus menschlicher Arbeit dadurch aus, daß sie als Wertgrößen auftreten. Aber weil dies doch eben zu einer besonderen Form der Aussprache kommt, wenn auch zu einer eigentümlich entstellten und verkehrten, so bezieht sich doch die Wertgröße hier notwendigerweise auf Arbeit, und zwar auf die gesellschaftliche Arbeit von allen Jahrtausenden der gesamt­­menschlichen Geschichte her. Die Warenform der Produkte ist es also, was sie als Produkte der gesellschaftlichen Arbeit ausspricht, wenngleich dazu gehört, daß jede einzelne Ware dies so aussagt, daß sie Wert hat und ihren speziellen Wert aus ihren speziellen Produktionskosten ableitet. Und dies darum, weil hier, in der bürgerlichen Gesellschaft, die gesamt­­gesellschaftliche Arbeit, ausgerüstet mit dem Erbe aller Jahrtausende der gesamtmenschlichen Geschichte, so organisiert ist, daß sie sich als Kooperation von lauter Privateigentümern der Produkte vollzieht. Die Ware sagt nicht Arbeit, sondern Wert, weil sie nicht ihrem Produzenten, sondern dem Eigentümer ihrer Produktionsmittel gehört; es stammt also nicht aus den Produktivkräften und der gesellschaftlichen Arbeit der Menschen als solcher – wie die klassische Theorie es mit Marxschen Worten ausgesprochen angesehen hatte –, sondern bloß aus den besonderen »Produktionsverhältnissen«, unter denen die gesellschaftliche Arbeit mit allen Produktivkräften im Kapitalismus steht. Die Beziehung, in der Arbeitsprodukte als Waren oder als Werte fungieren, ihr Kauf und Verkauf, ist die Beziehung ihrer Eigentümer, nicht ihrer Produzenten zu ihnen, aber sie würden sie nicht kaufen und verkaufen, wenn nicht die Arbeit sie produziert hätte, sondern wenn sie bloß von Natur aus da wären. In der bloßen Tatsache, daß eine zahlende Nachfrage sie sucht, und ein Angebot sie nur gegen ein Äquivalent hergibt, spricht sich aus, daß die Waren die Produkte der gesellschaftlichen Arbeit der Menschen, nicht Geschenke der Natur sind.

Diese selbe Tatsache aber benennt die subjektivistische Theorie mit dem Namen der »Sel­­ten­­heit« und sucht sie abgelöst von ihrer Grundlage als ein ursprüngliches Naturverhältnis zu begründen.

((…. Das Folgende nur andeutend skizziert… ))

Der Begriff der Seltenheit spaltet hier vollständig die Seite der Ware, nach der sie Wertform hat, von der andern, nach der sie gesellschaftliches Produkt ist; die »Seltenheit« fungiert als der Wandschirm, der dem Wertphänomen sein eignes Spiegelbild zurückgibt und eben dahinter die Ursachen des Wertphänomens den Blicken entzieht. Der Anblick der Ware von ihrer bloßen Wertseite her und gleichsam gegen den leeren Raum gehalten, zeigt an Stelle ihres ganzen gesellschaftlichen und geschichtlichen Hintergrundes nur dies schattenblasse Schemen der »Seltenheit«, denn nur als dieses Schemen ist jener Hintergrund in der Wertgestalt der Ware als logische Voraussetzung (!) enthalten, die aus ihr analytisch erschlossen werden kann. Auf den bloßen Titel der »Seltenheit« bezogen ist aber die Wertform der Ware zugleich auch von dem Quell, aus dem sie wirklich stammt, abgesetzt, und die weite Welt steht offen, sie hinzudeuten, wohin man immer will. Die Wertform hat sich von ihrer Ankerkette losgerissen, sie ist dämonisch geworden und verheimlicht in ihrer richtungslosen Blindheit, daß es die kapitalistische Wertform ist, mit der man die Welt als mit Gespenstern bevölkert. Aber so wenig sie in der Geschichte die Realitäten sieht, die ihr nicht entsprechen, so blind ist sie gegenüber der kapitalistischen Wirklichkeit, die ihr entspricht, von der sie aber nicht mehr weiß, warum, wie lange und nach welchen Maßen sie ihr entspricht. Und weil von dem Ankergrunde ihres wirklichen Seins durch die Beziehung auf das Schemen der »Selten­­­heit« losgerissen, so muß die Wertform jetzt in dieser »Seltenheit« selber ihren Seinsgrund suchen, denn dieser liegt ja auch wirklich in dem, was dieses Schemen verbirgt. Und so kommt es denn zustande, daß die subjektivistische Theorie sich mit der bloßen logischen Analytik der Wertform alias der Wertrechnung alias des »wirtschaftlichen Denkens« nicht zufrieden gibt, nämlich sich nicht zufrieden gibt und zufrieden geben kann, nur diese logische Analytik geleistet zu haben, sondern daß sie in ihr eine Begründung des Wertphänomens selber sucht, um dies als in sich selbst begründet auszugeben. Was aber liegt denn darin wirklich vor? Es wird die Wertseite der Ware, d.i. die »Produktionsverhältnisse« des Kapitalismus, gegenüber der gesellschaftlichen Arbeit, welche die Werte wirklich hervorbringt, d.i. gegenüber den »Produktivkräften«, verselbständigt. Es liegt also vor, daß die subjektivistische Theorie nur eine eigentümliche und eigentümlich umständliche Formulierung dafür ist, daß für den Kapitalismus der Zeitpunkt gekommen, wo, mit Marx gesprochen, seine »Produktions­­­verhält­­­nisse aus Entwicklungsformen der Produktivkräfte in Fesseln derselben umschlagen«. Die Theorie der dämonischen Wertform ist die Theorie der dämonisch gewordenen kapitalistischen Produktionsverhältnisse, und die Form, in der diese Produktionsverhältnisse dämonisch werden, ist die Kumulation der Eigentumsbeziehungen in den monopolistischen Gebilden, in welchen auf dem Rücken und auf der Basis der Eigentumsverhältnisse der freien Konkurrenz übergeordnete Eigentumsverhältnisse sich bilden, die das Moment der Konkurrenz der früheren Stufe in der veränderten Form des »Substitutionsprinzips« als intensives Struk­­turgesetz in sich hineingenommen und in sich »aufgehoben« haben. Die subjektivistische Theorie, die ihren Stolz darin sieht, im Unterschiede zu den Arbeitswertlehren auch Monopolpreis erfassen zu können, erweist sich damit eben diesem Monopolkapitalismus zugeordnet. Damit aber, daß sie auch den Monopolpreis noch erfaßt, nämlich als den Prinzipien der wirtschaftlichen Rationalität gemäß begreift, erweist sie in Wahrheit nur, daß ihr Kriterium der wirtschaftlichen Rationalität erschlichen ist. Denn sie stellt die wirtschaftliche Rationalität der kapitalistischen Ordnung, die sie vor sich hat, garnicht zur Kritik, – was doch als theoretische Oekonomie, die sie sein will, ihre Aufgabe wäre –, sie hypostasiert sie als in sich selber garantiert und sanktioniert den Monopolkapitalismus nach dem gleichen logischen Prinzip, nach welchem Münchhausen sich am eignen Zopf aus dem Sumpf zog.

Wenn man das in der bürgerlichen Gesellschaft empirisch gegebene Wertphänomen rein als solches auf das Moment der »Seltenheit« seiner sachlichen »Träger« bezieht, so liegt darin an und für sich von all solchen Konsequenzen und Problemen garnichts vor. Diese Beziehu ng sagt lediglich, daß man sich für jetzt nicht um die ganze Ursachenproblematik des Wertphänomens kümmern, sondern das Wertphänomen nur in sich selbst untersuchen wolle, nach demjenigen nämlich, was es rein gedanklich bei den wertenden Subjekten in sich schließt. Und rein gedanklich sagt die Tatsache, daß man einem Dinge wirtschaftlichen Wert beimißt, allerdings nichts von gesellschaftlicher Arbeit, von Geschichte der Menschheit, von Produk­­­tivkräften und Produktionsverhältnissen, sie sagt rein gedanklich nur, daß es einen logischen Grund haben müsse, wenn man eine Sache wirtschaftlich wertet. Und diesen logischen Grund der wirtschaftlichen Wertung bei dem Subjekte, das sie vollzieht, in der (relativen) »Seltenheit« des betreffenden Gegenstandes zu erblicken, mag seinen guten Sinn haben; in der Tat heißt diese »Seltenheit« hier nur »wirtschaftliches Gut« und unterscheidet es von einem »freien Gut«. Aber weil bloß der logische Grund des Wertes, so besagt die »Seltenheit« eben auch nur wiederum das Wertphänomen selbst, denn der Hinweis auf sie sagt im Grunde genommen, das Wertphänomen »ist, wenn man . . . «, und es ist in der Tat, wenn man für ein bestimmtes Gut, um es zu haben, bereit ist, andres hinzugeben, und, um es wegzugeben, etwas andres dafür verlangt. Das ist nichts als die nähere logische Auseinandersetzung des im Wertphänomen vorliegenden Tatbestandes, und man weiß jetzt nur mit andren Worten noch einmal, was es nun in der ökonomischen Theorie zu erklären gelte. Marx erklärt es, denn er fragt nicht nach logischen Gründen, die das Werten, wenn es statthat, innerlich voraussetzt, sondern er fragt nach den Ursachen dafür, daß es statthat, nach den Ursachen also, warum in der bürgerlichen Gesellschaft die Menschen an jede Bedürfnisbefriedigung mit der Frage heranzugehen gezwungen sind, was sie kostet, somit nach der Ursache dafür, daß in der kapitalistischen Gesellschaft die Gegenstände der menschlichen Bedürfnisbefriedigung Waren sind. Und weil eine Untersuchung von Ursachen und Wirkungen, so faßt die Marxsche Analyse das geschichtliche Wirklichkeitsproblem der kapitalistischen Ordnung, während die Frage nach den logischen Gründen des empirisch vorgefundenen Wertens eine rein innerrationale Angelegenheit ist und nur die Bedeutung einer logischen Untersuchung des darin speziell vorliegenden gedanklichen Zusammenhanges hat. Gegen eine solche Untersuchung ist gar nichts einzuwenden, sie kann sogar für die ökonomische Theorie einen gewissen propä­­deu­­­tischen Wert besitzen. Aber daß sie zur ökonomischen Theorie selbst auf einer toto coelo verschiedenen Ebene liegt, ist aus sich selber klar; die Ebenen überschneiden sich nicht einmal. Die Ursache des Wertphänomens kann sehr gut in der besonderen Produktionsordnung liegen, die den Kapitalismus ausmacht, und der logische Grund des Wertens die »relative« oder »spezifische Seltenheit« sein, – im Gegenteil, wenn diese logische Angabe stimmt, so ist es eben dies Werten wegen der Seltenheit, wofür Marx die ökonomische Erklärung gibt. Aber hiermit ist denn den Absichten der subjektivistischen Oekonomie freilich auch gar nicht gedient. Sie will ja selber ökonomische Theorie sein, und eine solche, die an die Stelle der Marxschen treten kann. Nur das ist für sie der Sinn ihrer ganzen Wertrechnungsanalyse, und mag deren bloß logische Bedeutung zehnmal ihr einziger Wahrheitsgehalt sein, um dessentwillen hätte sie sich nie die Mühe gemacht. Sie meint mit der »Seltenheit« nicht den logischen Grund des Wertens, sie meint damit den Realgrund des Wertes. Für sie ist die »Seltenheit« durchsichtig für alle die ökonomischen Probleme, die sie als Wandschirm verdeckt, sie steht genau an der Stelle der gesellschaftlichen Arbeit, der die Waren nach dem ursächlichen Zusammenhang verdanken, daß sie »wirtschaftliche« und nicht »freie« Güter sind. Und so muß nun aus der logischen Analytik der Wertrechnung eine Ursachentheorie des Wertes gemacht werden, durch die jetzt alles falsch wird. Und nur pro rata dieser Verfälschung wird aus der Wertrechnungsanalyse eine ökonomische Theorie, und dann allerdings die bürgerliche Oekonomie zum Monopolkapitalismus, weil sie die Verwandlung zur ökono­­mischen Theorie dadurch vollzieht, daß sie die Wertrechnung zur Wertursache, daher die Wertform zum Wertquell macht, mithin im ersten Ansatz schon an die Stelle der wirtschaftlichen Rationalkritik der kapitalistischen Produktionsverhältnisse die Hypostasierung ihrer wirtschaftlichen Rationalität setzt und so der monopolkapitalistischen Dämonie dieser Produktionsverhältnisse für alles Unheil ihr theoretisches Valet auf den Weg gibt.

Um nunmehr auf die Art und Weise zurückzukommen, in der die Begründer der neuen Theorie ihre Wertlehre und das Grenznutzenprinzip vertreten haben, so ist ihre psycho­­­logistische Argumentation eben eine der Methoden, wie man versucht hat, der Wert­­­rechnungsanalyse anstelle des nur logischen Charakters, den sie in Wahrheit hat, den reali­­stischen Charakter zu vindizieren, den sie haben müßte, wenn sie zur Grundlage der ökonomischen Theorie tauglich sein soll. Wenn man dieser psychologischen Begründungs­­­weise glaubt, was sie vorgibt, so würden wir nicht mit unsren Bedürfnisobjekten als mit Werten rechnen, weil sie Waren sind, sondern sie wären Waren, weil wir mit ihnen als Werten rechnen, und daß wir mit Gütern als Werten rechnen, entspränge originär aus dem »Gesetz der Bedürf­­­nissättigung«; dieses also verursachte den Charakter aller Bedürfnisobjekte als Wertgrößen und verursachte mithin, daß sie als Wertgrößen produziert werden müssen. Hiernach steht also die Sache vollständig auf dem Kopf, und grade so auf dem Kopf stehend braucht die subjek­­­tivistische Theorie sie. Um sie aber derartig auf den Kopf zu stellen, müßte in der Tat bewiesen werden, daß der Wert aus dem »Gesetz der Bedürfnissättigung« entspringt , daß die bloße Natur der Bedürfnissättigung aus purer eigner Kraft den Wertgrößencharakter der Güter erzeugt, daß sie der reine und voraussetzungslose Ursprung des Wertphänomens ist. Wirklich dies müßte die psychologische Begründung der Grenznutzenaxiomatik leisten, um die ontologische Begründung der subjektivistischen Oekonomie zu leisten, denn nur so wäre die logi­­sche Analytik der Wertrechnung oder des »wirtschaftlichen Denkens« als Begründungs­­­theorie des Wertes dargestellt, nur so bewiesen, daß die Wertform oder die kapitalistischen Eigentumsbeziehungen Regulativ und Schöpfer der Wirtschaftsordnung in Einem wäre, ohne daß das »wirtschaftliche Denken« die autonom normative und ursprüngliche Spontaneität wirklich ist, kraft deren es methodologisch zum Ursprung und sein Grenznutzenprinzip zum ordnenden Gesetz, zum »Sesam, öffne dich« der gesamten kapitalistischen Ordnung gemacht werden könnte. Ist es aber wirklich nötig, noch ausführlich nachzuweisen, daß dies die psychologische Unterbauung der Wertrechnungsanalytik nicht leisten kann, weil Psychologie mit diesem Anspruch überhaupt nicht das mindeste zu tun hat? Es gehört doch wahrhaftig wenig philosophische und erkenntnistheoretische Schulung dazu, um die Unsinnigkeit dieses Begründungsversuches einzusehen. Auch dürfte Bucharin in seiner »Oekonomie des Rentners« in diesem (!) Punkte das Nötige zu seiner immanenten Kritik geleistet haben. Wir fügen ihm nur hinzu, daß es unmöglich ist, die Begründung des Wertphänomens, nachdem man sie durch die Hypostasierung des wirtschaftlichen Denkens zuerst totgeschlagen hat, dann plötzlich aus der Psychologie wieder hervorzuziehen. Ein einziger Weg ist denkbar, auf dem für die eskamo­­­tierte Begründung des Wertes ein Ersatz geschaffen werden könnte, das wäre seine »transzen­­dentale Deduktion«; sie wäre das diesem Standpunkt einzig Adäquate. Man hat sie bisher noch nicht unternommen, wahrscheinlich, weil man sie nicht begriffen hat. Und heute würde sie freilich wohl zum Opfer von »Phänomenologen« werden.

Inzwischen hat man längst eine Auskunft gefund en, um diese ganzen Schwierigkeiten zu umgehen. Seit dem Ende des freien Konkurrenzkapitalismus ist im ganzen Feld der bürgerlichen Wissenschaft Ontologie zu einem verrufenen Komplex geworden, und das mit Recht, weil das bürgerliche Denken von da an den Kontakt mit dem geschichtlichen Sein verloren hat. Dies Faktum aber geht wohl keine Wissenschaft unmittelbarer an wie grade die bürgerliche Oekonomie, deren ganzer Inhalt in ihrer neuen, »subjektivistischen« Form darin besteht, das Regulativ des Kapitalismus so zu formulieren, daß es als in sich selbst bezw. im bloßen wirtschaftlichen Denken an sich begründet von allem objektiven Maße unabhängig sei. Und mit diesem Inhalt mußte sie notwendigerweise auch für ihre methodologische Haltung die Seinsblindheit zum Prinzip erheben. Der Agnostizismus in Ansehung der geschichtlichen Wirk­­­lichkeit wurde ihr »erkenntnistheoretisches« Dogma, und er wurde es um so rigoroser, je mehr das Regulativ des Kapitalismus sich zusamt der Warenform, der es innewohnt, von der Wirklichkeit des geschichtlichen Prozesses abhob und sie aus der Führung verlor. Von der Warenform aus ist in der Ära des Monopolkapitalismus eine Ontologie nicht einmal system­­technisch mehr zu gewinnen, weil die Warenform selber nicht mehr in der geschichtlichen Seinsebene spielt sondern zum inneren Gesetz und Regulativ der bloßen wirtschaftlichen Gebilde geworden ist. Mit der Selbsthypostasierung nun, die dem bürgerlichen Denken eigentümlich ist, erklärte es die ontologische Geltung, die ihm nicht mehr vergönnt war, für unmöglich an sich, und die subjektivistische Theorie vollzog die Wendung, daß sie eine solche Geltung, anstatt sie für sich zu beanspruchen, vielmehr für alle und jede ökonomische Theorie in Abrede stellt und in Sachen der ökonomischen Wissenschaft nur mehr »methodologische Standpunkte von rein heuristischem Geltungswerte« anerkennt. Auf diesem gemeinsamen methodologischen Nenner ist jetzt jedwede ökonomische Theorie von gleicher erkenntnis­­­theoretischer Qualität, und alle, die Marxsche Lehre natürlich inbegriffen, sind sie zu bloßen unterschiedlichen Methoden geworden, die Rechenexempel der Warenform auszulegen, die laut Voraussetzung immer aufgehen müssen. Was sie hierzu beizutragen haben, ist ihr wissen­­­schaftlicher Wert, alles Übrige scheidet sich davon als pure Spekulation ab. Erst hier tritt der Stand­­­punkt der subjektivistischen bürgerlichen Oekonomie in voller Durchbildung auf, denn hier wird die Warenform, die inhaltlich schon als autonomer Urquell der ökonomischen Ordnung schlechthin hypostasiert ist, zugleich auch erkenntnistheoretisch zum autonomen Kriterium der Wissenschaftsgeltung von ökonomischer Theorie gemacht. Der Standpunkt ist allseitig geschlossen; er schwebt geschlossen über der kapitalistischen Wirklichkeit und ist von keiner ontologischen Grundlagenkritik erreichbar, weil seine einzige ontologische Grundlage ist, keine zu haben. Das wirkliche Ganze des Kapitalismus ist ihm transzendent, weil die Waren­­­form es nicht mehr faßt, und die Wirklichkeit des kapitalistischen Ganzen Metaphysik, weil die Warenform zur Scheinrealität geworden. Man kann deswegen aber die subjekti­­vistische Theorie von dieser Observanz wirksam nur in ihrem Inneren, in ihrer eignen theoretischen Innenstruktur kritisieren.

Das allgemeine Wesen der subjektivistischen Theorie ist, daß in ihr die bloße innere Logik der Warenform unter dem Namen des wirtschaftlichen Denkens oder der wirtschaftlichen Wertrechnung zur vollständigen (hinreichenden und ausschließlichen) Grundlage der ökonomischen Theorie gemacht wird. Dazu gehört, daß man die Analytik der Wertrechnung für eine Begründungslehre des ökonomischen Wertphänomens ansieht, denn der springende Punkt liegt ja bei der Entscheidung darüber, ob der Wertgrößencharakter der Güter auf die Wertrechnung der Subjekte oder aber die Wertrechnung der Subjekte auf den zuvor schon gegebenen Wertgrößen- alias Warencharakter der Güter zurückgeführt werden solle. Der subjektivistische Standpunkt behauptet das erstere, vindiziert mithin der Analytik der Wert­­­rechnung die Bedeutung einer ökonomischen Wertlehre. Dies gilt für die subjektivistische Oeko­­­no­­­­mie überhaupt und jenseits aller unterschiedlichen Auffassung von ihrem methodo­­­logischen und erkenntnistheoretischen Charakter, denn es ist dasjenige, was sie überhaupt zu ihrem Versuche ökonomischer Theorie konstituiert. Der Unterschied zwischen den subjektivistischen Ontologen und den subjektivistischen Methodologen, um uns abgekürzt so auszudrücken, liegt erst darin, daß jene sagen, die Analytik der Wertrechnung sei an und für sich die wahre Wertlehre und weil sie das sei, müsse die gesamte ökonomische Theorie auf ihrer Basis unternommen werden. Dies haben wir – um es nochmal zusammenzufassen – mit dem Argument bestritten, daß die Analytik der Wertrechnung die Bedeutung einer ökono­­­mischen Wertlehre erst dadurch annehme, daß man der subjektiven Wertrechnung anstelle der Warenform eine normativ autonome wirtschaftliche Ratio unterlege; diese Unterstellung sei aber eben eine Unterschiebung oder eine bloße Hypostasierung, und weil (!) sie nur eine Hypostasierung ist, so werde nun in Wahrheit das Begründungsproblem des ökonomischen Wertphänomens, anstatt es zu lösen, eliminiert und totgeschlagen. Die »Methodologen« hin­­gegen legen auf die ontologische Wahrheit oder Unwahrheit der Annahme, daß die Analytik der Wertrechnung wirklich eine Wertlehre bedeute, kein unmittelbares Gewicht, sie arbeiten mit ihr als einer bloßen Hypothese, deren Wahrheitswert offen bleibt und deren methodologisches Recht oder Unrecht sich nach dem bloß heuristischen Kriterium ihrer »Frucht­­­barkeit« entscheide. Zwar sollte man wohl meinen, es müsse eigentümlich zugehen, damit eine Hypothese, deren ontologische Wahrheit allerdings nicht, deren ontologische Unwahrheit dafür aber um so eindeutiger bewiesen werden kann, sich durch besondere Frucht­­barkeit auszeichnen sollte; aber wir wollen dieses Erstaunen hier übergehen. Adäquater hat die Kritik dieses Standpunkts sich jedenfalls an den Anspruch auf diese Fruchtbarkeit selbst zu halten, auch weil sie ihm damit auf der Ebene seines eignen Maßstabes entgegentritt und sich also von seiner Seite den Anspruch auf Beachtung erwirbt. Nehmen daher auch wir für jetzt die Annahme, die Analytik des Wertrechnung bedeute eine Wertlehre, als Hypothese hin und kümmern uns nur um die Konsequenzen, zu denen sie rein inhaltlich führt.

Die Hypothese besagt, der Wertgrößencharakter der Güter lasse sich auf die innere Natur der subjektiven Wertrechnung zurückführen, und sie besagt daher sogleich weiter, es lasse sich auf die Wertrechnung auch zurückfuhren, daß die Güter als Wertgrößen und gemäß ihrer Wertgröße produziert werden. Das heißt, die unausweichliche und unmittelbare Konse­­­quenz, zu der ihre Grundhypothese die subjektivistische Oekonomie führt, ist das Zurech­­nungsproblem. Und mit der Zurechnungsproblematik tritt die subjektivistische Theorie allererst überhaupt aus dem analytischen Kreise der Wertrechnung heraus und beginnt als ökonomische Theorie zu walten. Es ist indes von großer Wichtigkeit, genau zu bemerken, daß das Zurechnungsproblem sich eben auch nur dadurch stellt, daß die Analytik der Wertrechnung als ökonomische Wertlehre gelesen und hierdurch zur Grundlage der ökonomischen Theorie gemacht wird! Die bloße Analytik der Wertrechnung als solche enthält garnichts von einem solchen Problem; sie stellt bloß die Formen fest, welche unser Rechnen mit Werten normativ bestimmen, und wenn dabei die Frage nach dem Gegebensein dieser Werte und den Bedingungen desselben vorkommt, so nur als die Frage, aus welchem logischen Grunde die betreffenden Dinge für uns Werte sind, aber nicht, aus welchen realen Ursachen diese Dinge selber existieren. Es ist wohl klar, daß hier zwei grundverschiedene Problemkreise vorliegen. Ob aber ein Ding von Natur da ist oder nur existiert, weil Menschen es produziert haben, betrifft eben di e Ursachen seiner Existenz und nicht die Formen unsrer Wertrechnung, worauf die subjektivistische Theorie in andrem Zusammenhang – nämlich gegenüber der Arbeitswertlehre – auch das gebührende Gewicht legt. Und eben weil nun die Frage der Pro­­­duk­­­tion das bloße innere und logische Problem der Wertrechnung derart transzendiert, beginnt für den subjektivistischen Standpunkt grade mit ihr, d.h. mit ihrer Einbeziehung in die Problematik der Wertrechnung bezw. mit der Anwendung und Ausdehnung der normativen Wertrechnungsprinzipien auf das Produktionsproblem erst überhaupt das Gebiet der empi­­rischen ökonomischen Wissenschaft. Das Zurechnungsproblem ist das Charakteristikum der subjektivistischen Oekonomie, nämlich dasjenige Merkmal, durch das inhaltlich die Wertrechnungsanalytik sich in ihrer Eigenschaft als einer bloßen logischen Untersuchung unterscheidet. Und an der grundsätzlichen Lösbarkeit oder Unlösbarkeit des Zurechnungs­­­problems entscheidet sich die sachliche oder inhaltliche Möglichkeit oder Unmöglichkeit, von der Analytik der subjektiven Wertrechnung aus eine Grundlage der ökonomischen Theorie zu gewinnen, daher die Möglichkeit oder Unmöglichkeit subjektivistischer Oekonomie. Der ganze innere Zusammenhang ist wohl klar. Der Anspruch, von der Analytik der Wertrechnung aus die ökonomische Theorie begründen zu können, hängt daran, daß man diese Analytik für eine Wertlehre hält, genauer für eine Lösung des Begründungsproblems des ökonomischen Wertphänomens. Und wenn man sie dafür hält, so steht man mit der bloßen Analytik der Wert­­rechnung vor der Aufgabe, das Zurechnungsproblem zu lösen. Und wäre diese Analytik tatsächlich eine ökonomische Wertlehre, so müßte sich mit ihr dieses Problem auch notwen­­­digerweise und unbedingt lösen lassen, sofern kapitalistische Wirtschaft, ja überhaupt mensch­­­liches Wirtschaften und Produzieren nur länger die Sache der Menschen sein soll (und nicht etwa ein Blendwerk von Dämonen). Wer daher nicht durchschaut, daß die subjektivistische Analytik nur dank der bloßen Hypostasierung eben der Ratio, die hier auf dem Spiele steht, den Schein einer Wertlehre erhalten hat, der wird sich auch dem logischen Zwange keiner der durch diese gesetzten Konsequenzen entziehen können und wird eher an der Menschheit und seiner eigenen Vernunft verzweifeln, als daß er die prinzipielle Lösbarkeit des Zurechnungsproblems in Zweifel stellt. Ihren innersten Voraussetzungen entsprechend muß für die subjektivistische bürgerliche Oekonomie die prinzipielle Unlösbarkeit des Zurechnungsproblems den Bankrott der menschlichen Vernunft schlechthin bedeuten.

Eben dieses Denkzwanges wegen, unter dem es auf dem Boden dieser Vorausset­­­zungen solcherweise steht – und diese Voraussetzungen akzeptieren wir ja für jetzt als heuri­­­stische Hypothese –, kann aber das Zurechnungsproblem nicht gut anders kritisiert werden, wie man etwa seinerzeit den Glauben ans perpetuum mobile kritisiert hat. Mit ihm hat das Prinzip des Zurechnungsgedankens ja wohl auch sonst noch die Verwandtschaft, daß die Lösung des Zurechnungsproblems in der Tat nichts Geringeres dartun würde, als daß die ökonomische Ordnung der kapitalistischen Gesellschaft gänzlich in der Warenform beschlossen und durch sie als ein sich in sich selbst genügendes und bestimmendes System in Gang gehalten werde, das, aus ökonomischen Rücksichten wenigstens, ewig müßte bestehen können. Man kann sich natürlich auch an jede Zurechnungstheorie im Einzelnen halten, um nachzuprüfen, ob das in ihr gewählte Prinzip die Rechnung nach den geforderten Bedingungen zum Aufgehen bringt. Aber wenn man selbst auch für jede bestehende Zurechnungstheorie bewiesen hätte, daß sie nicht stimmt, nämlich dem eigentlichen Problem nicht Genüge tut, so wird zwangsläufig dem Boden der subjektivistischen Voraussetzungen eine neue Zurechnungstheorie entsprießen und entsprießen müssen. Solange das Prinzip des Zurechnungsproblems selbst nicht widerlegt ist, ist dieses Problem von solcher Denknotwendigkeit begleitet, daß man von immer erneuten Lösungsversuchen der gleichen Aufgabe garnicht ablassen kann. Welches ist aber, allgemein vorgestellt, diese Aufgabe? Sie besteht, in einem Worte gesagt darin, aus den logischen Gründen der Wertbestimmung gegebener Dinge auf den Wert der Bedingungen ihres Daseins zu schließen.

Meta-Philosophical analysis of mathematics

The connection between concept and number, thought-form and commodity-form after Adorno’s cautious materialism and Sohn-Rethel’s strong materialism:

„Die Zählbarkeit des Befaßten wird zum Axiom. Verfügbarkeit stiftet das Bündnis von Philosophie und Mathematik, das dauert, seitdem Platon das eleatische wie das heraklitische Erbe mit dem der Pythagoräer verschmolz. Seine Spätlehre, der zufolge die Ideen Zahlen seien, ist keine bloße Ausschweifung exotischer Spekulation. Stets faßt läßt an den Exzentrizitäten des Gedankens das Zentrale sich ablesen. Durch die Zahlenmetaphysik wird exemplarisch die Hypostasis der Ordnnung vollzogen, mit welcher der Geist die beherrschten Dinge so gänzlich überspinnt, bis es scheint, als wäre das Gewebe das Verborgene selber: schon dem Sokrates von Platons mittlerer Periode scheint es >>notwendig, zu den Begriffen<< seine >>Zuflucht zu nehmen und an ihrer Hand das wahre Wesen der Dinge zu erforschen<<. Um so dichter aber wird der Schleier vorm Geist, je dinghafter er als herrschender – wie es in der Zahl geschieht – selbst wird.[…]In den Zahlen spiegelt sich der Gegensatz des ordnenden und festhaltenden Geistes zu dem, was er sich gegenüber findet. Erst reduziert er es, um es sich gleich zu machen, zum Unbestimmten, das er dann bestimmt als das Viele. Noch zwar nennt er es nicht mit ihm identisch oder auf ihn zurückführbar. Aber es wird ihm bereits ähnlich. Es büßt als Menge von Einheiten seine besonderen Qualitäten ein, bis es sich als abstrakte Wiederholung des abstrakten Zentrums enthüllt. Die Schwierigkeit den Zahlenbegriff zu definieren, stammt daher, daß sein eigenes Wesen der Mechanismus der Begriffsbildung ist, mit dessen Hilfe er zu definieren wäre. Der Begriff selbst ist Subsumtion und enthält damit ein Zahlenverhältnis. Die Zahlen sind Veranstaltungen, das Nichtidentische unter dem Namen des Vielen dem Subjekt kommensurabel zu machen, dem Vorbild von Einheit. Sie bringen das Mannigfaltige der Erfahrung auf seine Abstraktion. Das Viele vermittelt zwischen dem logischen Bewußtsein als Einheit und dem Chaos, zu dem die Welt wird, sobald jenes dieser sich gegenüberstellt.[…]Die Kontinuität der Zahlenreihe jedoch blieb seit Platon das Modell aller Bruchlosigkeit der Systeme, ihres Anspruchs auf Vollständigkeit.[…]Die Identität des Geistes mit sich selber, die nachmalige synthetische Einheit der Apperzeption, wird durchs bloße Verfahren auf die Sache projiziert und zwar desto rücksichtsloser, je sauberer und stringenter es sein möchte. Das ist die Erbsünde aller prima philosophia. Um nur ja Kontinuität und Vollständigkeit durchzusetzen, muß sie an dem, worüber sie urteilt, alles wegschneiden, was nicht hineinpaßt. Die Armut philosophischer Systematik, welche die philosophischen Systeme schließlich zum Popanz erniedrigte, ist nicht erst ein Symptom von deren Zerfall, sondern teleologisch gesetzt von dem Verfahren selbst, das schon bei Platon unwidersprochen verlangt, die Tugend müsse durch Reduktion auf ihr Schema demonstrierbar sein gleich einer geometrischen Figur. Die Autorität des Platon ebenso wie das Eingeschliffensein der mathematisierenden Denkgewohnheit als der allein verbindlichen lassen das Bewußtsein des Ungeheuerlichen kaum recht aufkommen, daß eine konkret gesellschaftliche und von Gorgias im gesellschaftlichen Zusammenhang, nämlich dem von Herrschaft, ausdrücklich lokalisierte Kategorie wie die der Tugend derart auf ihr Skelett als auf ihr Wesen zurückgeführt werden soll. Im Triumph von Mathematik und jeglichem Triumph hallt wie im Bescheid der Orakel etwas von mythischem Hohn wider: wer darauf lauscht, hat das Beste schon vergessen. Tautologie ist Mathematik auch darin, daß ihre Allherrschaft doch nur die ist über das, was sie schon präpariert, sich selbst angebildet hat.“
Adorno – Mathematisierung – Zur Metakritik der Erkenntnistheorie, S. 17-19

„Das Neuartige und Hervorstechende an der Galileischen Leistung ist, daß in dieser Leistung die Anwendung der Mathematik auf Naturerscheinungen eröffnet wurde. Nun sagt unsere Formenanalyse über die Mathematik zweierlei aus: daß sie erstens das Denken in seiner Vergesellschaftungsform charakterisiert, zweitens sie die Kopfarbeit in ihrer Geschiedenheit von der Handarbeit kennzeichnet. Ein Gegenstand besonderen Interesses ist der Zusammenhang der beiden Wesenseigenschaften. In welchem Sinn ist hier an »Mathematik« gedacht? Es gibt verschiedene Formen, verschiedene Instrumentarien von Mathematik. In der uns geläufigen Form bildet Mathematik eine widerspruchsfreie, streng deduktive Disziplin, welche, auf bestimmte Axiome und Postulate gegründet,eindeutige Resultate verspricht. Ihr Gewerbe ist größenmäßige Differenzierung, die in Zahlen definierbar ist. Diese Modalität von Mathematik ist eine bis ins 7. und 6. vorchristliche Jahrhundert zurückreichende Schöpfung der Griechen. […]Da Münzprägung eindeutig von entwickelter und vordringender Warenwirtschaft zeugt, kann die deduktionslogische Ausprägung der Mathematik von ihren ersten Anfängen bis in unsere Gegenwart ungeachtet ihrer Wandlungen als gleichaltrig mit der Warenproduktion als ganzer angesehen werden. Gemäß der heutigen Wandlung ihrer Instrumentation durch ihre elektronische Mechanisierung wird diese Mathematik freilich nicht die letzte Form ihrer Ausprägungen sein. Ebensowenig war sie die erste. Der griechischen Schöpfung ging vornehmlich in Ägypten eine sehr verschiedene Art von »Mathematik« voraus.[…]Auf dieser Grundlage hat sich, verknüpft mit der indischen Zähltechnik, dort durch zwei oder mehr Jahrtausende hindurch eine Kunst und Kenntnis der Geometrie und Arithmetik entfaltet, die neben der griechischen in Europa Erstaunen hervorrief, als die Araber vom 8. und 9. Jahrhundert an begannen, sich zu den islamischen Überlieferern beider zu machen. Zu diesem Überlieferungsgut ist gemäß den Forschungen Joseph Needhams das mindestens ebenso alte und gereifte Wissen Chinas und überhaupt des entfernten Ostens hinzuzuzählen. Freilich würde ich, von meinem Standpunkt aus gesehen, Überlieferungen aus der Bronzezeit oder noch älteren Epochen mit der von den Griechen geschaffenen Mathematik nicht auf eine Ebene stellen.[…]Die Geometrie der Messung wurde also ganz etwas anderes als die Messung selbst. Die handliche Verrichtung wurde einer rein gedanklichen Anstrengung untergeordnet, die nur noch auf die Erfassung quantitativer und räumlicher Formgesetzlichkeit gerichtet ist. Deren begrifflicher Gehalt ist unabhängig nicht nur von einem besonderen, sondern von jeglichem praktischen Zweckbezug. Um ihn aber derart von praktischer Aufgabenstellung ablösbar werden zu lassen, bedurfte es des Eintritts einer reinen Formabstraktion und ihrer Erfassung in reflektiertem Denken, und das erfolgte erst durch die Verallgemeinerung des Austauschs und der Waren im innergesellschaftlichen Verkehr und seiner durchgängigen Beziehung auf einen einheitlichen Münzfuß. Selbstredend vollzog sich diese umstürzende Wandlung von der ägyptischen Meßkunst der Harpedonapten zur griechischen Geometrie nicht mit einem Schlage, sondern über Jahrhunderte von Jahren hinweg und vermittelt durch einschneidende Entwicklungen der Produktivkräfte und entsprechende Veränderungen der Produktionsverhältnisse. Um das zu verdeutlichen, braucht kaum weiter ausgeholt zu werden als bis zu den Anfängen der griechischen Geometrie bei Thales. Die Erfindung, mit der er als Mathematiker in der Tradition untrennbar verknüpft ist, diente u.a. Der Messung der Entleinung von Schiffen von der Küste. Hierfür wäre die Seilkunst selbstredend nutzlos gewesen, und an diesem einen Beispiel kann der ganze weltenweite Unterschied zwischen den auf Agrarausbeutung gegründeten, noch bronzezeitlichen Festlandökonomien Ägyptens und Mesopotamiens dort und den auf Seefahrt, Raub-und Warenhandel sowie die durch die Eisentechnik ermöglichte »kleine Bauern Wirtschaft und den unabhängigen Handwerksbetrieb« (Marx, MEW 23, 354) als Produktionsformen gestellten griechischen Stadtstaaten hier zur Anschauung gelangen.“[…]Der »reinen Mathematik« der Griechen ist wesentlich, daß sie sich zur unüberbrückbaren Grenzscheide zwischen Kopfarbeit und Handarbeit auswuchs.[…]Durch ihre Mathematisierung teilt die neuzeitliche Wissenschaft ihre Quantifizierung mit dem Wertbegriff der Warenökonomie, deren Interessen sie direkt und indirekt dient. Da ihre Stammverwandtschaft mit dem Kapital und seiner Produktionsweise in vollständiger Verborgenheit für die Träger der Wissenschaft besteht, erfreuen diese sich der imaginären Unabhängigkeit der Motivation ihres Forschens in seiner klassischen Zeit auf Grund der Universalität ihrer Begriffsform und ihrer existentiellen und ideellen Distanz vom Kapital. […]Mit anderen Worten, beide Teile, der exakte Begriff der Natur und der Gedanke des Mechanismus, wurzeln im selben Ursprungsort: in der Primärabstraktion des Austausches. Ihre Koinzidenz gibt also durchaus kein Rätsel auf, ich kann sie im Gegenteil als zusätzliche Bestätigung meiner These vom unterschwelligen Zusammenhang der exakten Naturwissenschaft mit der Ökonomie des Produktionskapitals reklamieren. Unterschwellig, oder wenn man will, transzendental ist diese Stammverwandtschaft in der Tat, denn an der Oberfläche sind beide so diffus und unübersetzbar ineinander wie etwa die ökonomische Definition des Eisens durch seinen Preis und die physikalische durch sein Atomgewicht, um ein […] Beispiel zu nennen.“
(Alfred Sohn-Rethel – Die Mathematik als Grenzscheide zwischen Kopf und Hand – Geistige und körperliche Arbeit, S: 117 – 125)

„Besteht doch diese Reduktion in dem Regreß, worin sie von dem spezifisch gesellschaftlichen und geschichtlichen Phänomen des interpersonalen Tausches, also doch des Warentausches, auf die Reflexion der tauschenden Subjekte zurückgehen, um diese Reflexion eines warentauschenden Subjektes als Fall von wirtschaftlich rationalem Denken überhaupt zu statuieren, das sie seinerseits dann für gewöhnlich am Robinson als seiner idealen Exerzierpuppe des näheren demonstrieren und im einzelnen auf seine Prinzipien bringen.[…]Die Frage kann vielmehr nur heißen: Wann erhalten ein Paar Schuhe oder die Farben oder die Weihkerzen die Bedeutung von wirtschaftlichen Werten? Und darauf gibt nun die Praxis der modernen Gesellschaft die sehr eindeutige Antwort: wenn sie nur für Geld zu haben, d.h. wenn sie Waren sind; denn ihr Charakter als Waren zwingt dazu, mit ihnen als Werten zu rechnen. Die »wirtschaftliche Ratio« ist nicht Sache des Wirtschaftens – da sie ja eben nicht bloß wirtschaftliche, sondern geradeso gut ästhetische, religiöse, moralische Sachgehalte betreffen kann –, sondern sie ist Sache der Warenform. Die Warenform ist es daher, und zwar essentiell, was in Wahrheit von der subjektivistischen Theorie zur normativ autonomen Ratio des Wirtschaftens hypostasiert und aller ökonomischen Wissenschaft als das System der »reinen Oekonomie« oder der »ökonomischen Statik« zugrundegelegt wird. Die subjektivistische Oekonomie ist der Standpunkt der absoluten Befangenheit im »Fetischcharakter der Ware«; während die klassische Theorie doch wenigstens noch das »ontologische« Bedürfnis hatte, in ihren »ökonomischen Gesetzen« die geschichtliche Wirklichkeit der kapitalistischen Gesellschaft zu fassen, hat die subjektivistische Theorie auch dieses Fenster noch geschlossen und sich licht- und schalldicht in die Warenform eingemauert, um sich deren Spiegelbilder als »reine Oekonomie« an die Wände ihrer Blindheit zu projizieren.[…]Im subjektivistischen Ansatz ist aber dieser Weg gerade gesperrt; wie die Warenform selbst als normativ originäre wirtschaftliche Ratio, so tritt hier jene primäre Forderung der Wertrechnung als deren ursprüngliche Anlage und ihre Erfüllung als deren spontanes Vermögen auf. Damit entzieht sich das eigentliche Problem des Wertes vor allen weiteren Fragen ins Dunkel der apriorischen Möglichkeit, und für die subjektivistische Theorie ist die Frage nur, welche Form das Maßverhältnis hat, das hier statthaben soll, denn daß es statthat, ist in der Hypostasierung des wirtschaftlichen Denkens als Voraussetzung enthalten. Diese bloße Form des Maßverhältnisses ist aber axiomatisch und mit der Apodizität eines »transzendentalen Grundsatzes des reinen Verstandes« in dem Verhältnis gegeben, das überhaupt zwischen extensiven und intensiven Data besteht, wenn zwischen beiden ein Maßverhältnis postuliert wird, d.h. wenn postuliert wird, daß in quantitativer Hinsicht das eine Datum die Funktion des andren sein soll. Dieses Verhältnis ist nämlich, daß innerhalb einer solchen Beziehung die intensiven Quantitäten (als Grade) sich relativ zu den extensiven (als Mengen) immer überproportional verändern; und nur dies und nichts andres ist es, was die sogen. »Wertfunktion« ausspricht, nur dies also auch der eigentlich gültige Kern des sogen. »Grenznutzengesetzes«. Damit wäre aber, wenn das stimmt, die gesamte Grenznutzenaxiomatik, in welcher Form sie auch sonst immer vorgetragen werden möge, von A bis O als pure Logik angesprochen, nämlich als die Logik der Wertrechnung oder als die Logik desjenigen Verhaltens, das die kapitalistische Warenproduktion bei den warentauschenden Subjekten impliziert: und es ist in der Tat unsre Ansicht, daß sie das sei.“
(Alfred Sohn-Rethel – Zur Kritik der subjektivistischen Oekonomie, zu: Steffen Mau)

Subjektiv‘ hat dabei doppelte Bedeutung. Einmal operiert die herrschende Soziologie, wie Habermas es ausdrückt, mit Rastern, aufs Material aufgelegten Schemata. Während in diesen fraglos das Material ebenfalls zur Geltung kommt, je nachdem, in welche Sparte es eingefügt werden muß, macht es eine zentrale Differenz aus, ob Material, Phänomene gemäß einer ihnen an sich vorgeordneten, nicht erst von der Wissenschaft klassifikatorisch hergestellten Struktur interpretiert werden oder nicht. Wie wenig gleichgültig die Wahl der vermeintlichen Koordinatensysteme ist, läßt an der Alternative sich exemplifizieren, gewisse soziale Phänomene unter Begriffe wie Prestige und Status zu bringen, oder sie aus objektiven Herrschaftsverhältnissen abzuleiten. Der letzteren Auffassung zufolge unterliegen Status und Prestige der Dynamik des Klassenverhältnisses und können prinzipiell als abschaffbar vorgestellt werden; ihre klassifikatorische Subsumtion dagegen nimmt tendenziell jene Kategorien als schlechthin Gegebenes und virtuell Unveränderliches hin. So inhaltlich konsequenzreich ist eine scheinbar bloß die Methodologie betreffende Unterscheidung. In Konkordanz damit ist der Subjektivismus der positivistischen Soziologie in seiner zweiten Bedeutung. Zumindest in einem sehr erheblichen Sektor ihrer Tätigkeit geht sie von Meinungen, Verhaltensweisen, vom Selbstverständnis der einzelnen Subjekte und der Gesellschaft aus anstatt von dieser. Gesellschaft ist einer solchen Konzeption weithin das statistisch zu ermittelnde, durchschnittliche Bewußtsein oder Unbewußtsein vergesellschafteter und gesellschaftlich handelnderSubjekte, nicht das Medium, in dem sie sich bewegen. Die Objektivität der Struktur, für die Positivisten ein mythologisches Relikt, ist, der dialektischen Theorie zufolge, das Apriori der erkennenden subjektiven Vernunft. Würde sie dessen inne, so hätte sie die Struktur in ihrer eigenen Gesetzlichkeit zu bestimmen, nicht von sich aus nach den Verfahrensregeln begrifflicher Ordnung aufzubereiten. Bedingung und Gehalt der an Einzelsubjekten zu erhebenden sozialen Tatsachen werden von jener Struktur beigestellt.“
(Adorno – Einleitung zum »Positivismusstreit in der deutschen Soziologie«, Soziologische Schriften I, S. 288)

Wo dialektisches Denken heute, auch und gerade im Kritisierten, allzu unflexibel dem Systemcharakter nachhängt, neigt es dazu, das bestimmte Seiende zu ignorieren und in wahnhafte Vorstellungen überzugehen. Darauf aufmerksam zu machen, ist ein Verdienst des Positivismus, dessen Systembegriff, als bloß innerwissenschaftlich-klassifikatorischer, nicht ebenso zur Hypostase verlockt wird. Hypostasierte Dialektik wird undialektisch und bedarf der Korrektur durch jenes fact finding, dessen Interesse die empirische Sozialforschung wahrnimmt, die dann von der positivistischen Wissenschaftslehre ihrerseits zu Unrecht hypostasiert wird.“
(Adorno – Einleitung zum »Positivismusstreit in der deutschen Soziologie«, Soziologische Schriften I)

Das Vertrauen darauf, daß sehr divergente Positionen sich vermöge der anerkannten Spielregeln der Kooperation, wie es wienerisch heißt, »zusammenraufen« und dadurch den je erreichbaren Grad von Objektivität der Erkenntnis gewinnen, folgt dem veralteten liberalistischen Modell derer, die sich um den runden Tisch versammeln, um ein Kompromiß auszuhandeln. Die Formen wissenschaftlicher Kooperation enthalten unendlich viel an gesellschaftlicher Vermittlung; Popper nennt sie zwar eine »soziale Angelegenheit«, kümmert sich aber nicht um deren Implikate. Sie reichen von den Selektionsmechanismen, die kontrollieren, ob einer akademisch überhaupt kooptiert wird und einen Ruf erhält – Mechanismen, in denen offensichtlich Konformität mit der herrschenden Gruppenmeinung entscheidet -, bis zur Gestalt der communis opinio und ihrer Irrationalitäten. Vollends Soziologie, die es thematisch mit explosiven Interessen zu tun hat, ist auch der eigenen Gestalt nach, nicht nur privat, sondern gerade in ihren Institutionen, ein Mikrokosmos jener Interessen. Dafür sorgt bereits das klassifikatorische Prinzip an sich. Der Umfang von Begriffen, die nichts sein wollen als Abbreviaturen je vorfindlicher Tatsachen, führen nicht über deren Umkreis hinaus. Je tiefer die approbierte Methode ins gesellschaftliche Material sich hineinbegibt, desto offenbarer ihre Parteiischkeit. Will etwa die Soziologie der »Massenmedien« – der eingebürgerte Titel verbreitet das Vorurteil, von den Subjekten, den Konsumentenmassen her sei zu ermitteln, was in der Produktionssphäre geplant und am Leben erhalten wird – nichts anderes als Probandenmeinungen und -attitüden eruieren und dann daraus ’sozialkritische‘ Konsequenzen ziehen, so wird stillschweigend das vorhandene System, zentral gesteuert und durch Massenreaktionen hindurch sich reproduzierend, zur Norm seiner selbst.“
(Adorno – Einleitung zum »Positivismusstreit in der deutschen Soziologie«, Soziologische Schriften I)

Während die Szientisten ihre Gegner als träumerische Metaphysiker karikieren, werden sie unrealistisch. Operationell ideale Techniken entfernen sich unabdingbar von den Situationen, in denen seinen Ort hat, was ermittelt werden soll; insbesondere am sozialpsychologischen Experiment wäre das zu demonstrieren, aber auch an den vorgeblichen Verbesserungen der Skalierung. Die Objektivität, welcher doch eigentlich der methodologische Schliff, das Vermeiden von Fehlerquellen dienen soll, wird zum Sekundären, vom operationellen Ideal gnädig Mitgeschleiften; das Zentrale peripher. Herrscht der methodologische Wille, Probleme eindeutig entscheidbar, »falsifizierbar« zu machen, unreflektiert vor, so schrumpft die Wissenschaft auf Alternativen zusammen, die nur durch Elimination von »variables«, also abstrahierend vom Objekt und dadurch es verändernd, herausspringen. Nach diesem Schema arbeitet der methodologische Empirismus in entgegengesetzter Richtung als Erfahrung.“
(Adorno – Einleitung zum »Positivismusstreit in der deutschen Soziologie«, Soziologische Schriften I, S. 315)

Sozialwissenschaftliche Erkenntnis indessen, welche die komplexe Beschaffenheit des Produktions- und Distributionsvorgangs ausdrückt, ist offensichtlich fruchtbarer als Zerlegung in einzelne Produktionselemente durch Erhebungen über Fabriken, Einzelgesellschaften, Einzelarbeiter und Ähnliches; fruchtbarer auch als die Reduktion auf den allgemeinen Begriff solcher Elemente, die doch ihrerseits erst im komplexeren Strukturzusammenhang ihren Stellenwert finden“
(Adorno – Einleitung zum »Positivismusstreit in der deutschen Soziologie«, Soziologische Schriften I)

Beobachtet ein soziologisch Denkender wiederholt in New Yorker Untergrundbahnhöfen auf Plakaten, daß von den blendend weißen Zähnen einer Reklameschönheit der eine geschwärzt ist, so wird er daraus Folgerungen ziehen wie die, daß der glamor der Kulturindustrie, als bloße Ersatzbefriedigung, durch welche der Betrachter vorbewußt sich betrogen fühlt, zugleich dessen Aggression erweckt; dem epistemologische Prinzip nach hat Freud seine Theoreme nicht anders konstruiert. Empiristisch überprüfbar sind derlei Extrapolationen schwerlich, es sei denn, einem fielen besonders ingeniöse Experimente ein. Wohl aber können solche Beobachtungen zu sozialpsychologischen Denkstrukturen sich kristallisieren, die dann, in verändertem Kontext und zu »items« verdichtet, wiederum Befragungs- und klinischen Methoden zugänglich sind. Pochen demgegenüber die Positivisten darauf, daß die Dialektiker, im Gegensatz zu ihnen, keine bindenden Verhaltensregeln soziologischer Erkenntnis anzugeben vermöchten und deswegen das Aperçu verteidigten, so supponiert das Postulat jene strikte Trennung von Sache und Methode, welche die Dialektik angreift. Wer der Struktur seines Objekts sich anschmiegen möchte und es als ein in sich Bewegtes denkt, verfügt über keine davon unabhängige Verfahrungsweise.“
(Adorno – Einleitung zum »Positivismusstreit in der deutschen Soziologie«, Soziologische Schriften I)

So wie eine strikt apolitische Haltung im politischen Kräftespiel zum Politikum, zur Kapitulation vor der Macht wird, so ordnet generell Wertneutralität unreflektiert dem sich unter, was den Positivisten geltende Wertsysteme heißt. Auch Popper selbst nimmt mit der Forderung, »daß es eine der Aufgaben der wissenschaftlichen Kritik sein muß, Wertvermischungen bloßzulegen und die rein wissenschaftlichen Wertfragen nach Wahrheit, Relevanz, Einfachheit und so weiter von außerwissenschaftlichen Fragen zu trennen«62, einigermaßen zurück, was er zunächst gewährt. Tatsächlich ist die Problematik jener Dichotomie konkret in die Sozialwissenschaften hinein zu verfolgen. Handhabt man die Wertfreiheit so rigoros, wie Max Weber offenbar bei öffentlichen Anlässen – nicht stets in seinen Texten – verfuhr, so freveln die soziologischen Forschungen leicht gegen das von Popper immerhin aufgeführte Kriterium der Relevanz. Will etwa Kunstsoziologie die Frage nach dem Rang der Gebilde von sich wegschieben, mit deren Wirkungen sie sich beschäftigt, so entgehen ihr so relevante Komplexe wie der der Manipulation durch die Bewußtseinsindustrie, der Wahrheits- oder Unwahrheitsgehalt der ‚Reize‘, denen die Probanden exponiert sind, schließlich jede bestimmte Einsicht in Ideologie als gesellschaftlich falsches Bewußtsein. Eine Kunstsoziologie, die zwischen dem Rang eines integren und bedeutenden Werkes und dem eines nach Wirkungszusammenhängen kalkulierten Kitschprodukts nicht unterscheiden kann oder will, begibt sich nicht erst der kritischen Funktion, die sie doch ausüben möchte, sondern bereits der Erkenntnis solcher faits sociaux wie der Autonomie oder Heteronomie geistiger Gebilde, die von ihrem sozialen Ort abhängt und ihre soziale Wirkung determiniert. Wird davon abgesehen, so bleibt der schale Rest eines allenfalls mathematisch perfektionierten nose counting nach likes und dislikes, folgenlos für die soziale Signifikanz der ermittelten Vorlieben und Abneigungen. Nicht ist die Kritik am wertenden Verhalten der Sozialwissenschaften zu widerrufen und etwa die ontologische Wertlehre des mittleren Scheler als Norm für die Sozialwissenschaften zu restaurieren. Unhaltbar ist die Dichotomie von Wert und Wertfreiheit, nicht das eine seien ihrerseits Werte, so reicht das bis in die Wahrheit der Urteile hinein; deren Sinn impliziert die ‚wertende‘ Vorstellung, ein wahres sei besser als ein falsches. Die Analyse irgend inhaltsvoller sozialwissenschaftlicher Theoreme müßte auf ihre axiologischen Elemente stoßen, auch wenn die Theoreme von ihnen nicht Rechenschaft geben. Dies axiologische Moment steht aber nicht abstrakt dem Vollzug des Urteils gegenüber, sondern ist ihm immanent. Wert und Wertfreiheit sind nicht getrennt, sondern ineinander; allein wäre jedes falsch, das an einen ihm äußerlichen Wert festgemachte Urteil ebenso wie eines, das durch Exstirpation des ihm immanenten und untilgbaren wertenden Moments sich lähmte.“
(Adorno – Einleitung zum »Positivismusstreit in der deutschen Soziologie«, Soziologische Schriften I, S. 345)

Untersuchungen, in denen der Forscher an die Realität glaubt herangehen zu dürfen, als hätte er weder eine Vorstellung von ihr, noch wäre er überhaupt an spezifischen Antworten interessiert, sondern wünsche schlechterdings alles zu erfahren, was in seinem Sektor der Fall ist, sind ebenso subaltern wie solche, die beim bloßen Befund sich bescheiden. Daß selbst der asketisch objektiven Forschung Auswahlprinzipien zugrunde liegen; daß diesen implizit theoretische Bedeutung innewohnt; daß jede fruchtbare Untersuchung eines Brennpunktes bedarf, wird nachgerade selbst von administrativ gebundenen Sozialforschern zugestanden.“
(Adorno – Zur gegenwärtigen Stellung der empirischen Sozialforschung)

F-Skala, von der seinerzeit die Forschung am meisten hatte, ein Licht auf. Es werden nicht einfach Meinungen ermittelt und statistisch aufbereitet, sondern jede Frage, die auf Meinungen zielt, schließt zugleich Folgerungen für Charakterstruktur und latente Neigungen ein, die sich politisch auswirken mögen. Da in der »Authoritarian Personality« nicht nur Fragebogen nach der sogenannten Klassenzimmermethode verwendet wurden, sondern eine ganze Reihe anderer Tests sowie klinische Interviews, die in denselben Zusammenhängen ihr Zentrum hatten, und da die Resultate zusammenstimmten, so hat sich die Produktivität des Ansatzes trotz der technischen Mängel erwiesen, die man der Studie vorwerfen kann. Derlei Mängel sind übrigens gerade bei soziologischen Untersuchungen, denen Einsicht in wesentliche Sachverhalte wichtiger ist als die bloße Korrektheit des Verfahrens, schwerlich ganz zu vermeiden. Wer im Bereich der empirischen Sozialforschung intensiv gearbeitet hat, wird bestätigen, daß man unablässig vor der Wahl steht zwischen absolut hieb- und stichfesten Befunden, die sich verallgemeinern lassen, aber vielfach trivial sind, und solchen, bei denen im Ernst etwas herausschaut, die aber nicht ebenso rigoros den Spielregeln folgen.“
(Adorno – Gesellschaftstheorie und empirische Forschung)

Michel’s autoethnographic hatred of statistics and positivism

My most unobjective argument against falsificationism is probably that Adorno, unlike Sir Popper, actually conducted quantitative research.
I myself started a sociology master’s degree before the PAIR master’s degree and, in the course of a research seminar, investigated left-right authoritarianism, or political ideologies among students by means of multidimensional scaling (among other things) using my own questionnaire (including F-scale items).
From this practical experience, I can add to the excerpt:
1. Quite apart from the criticism of the concept of significance and the use of p-values, I raised the question of Cronbach’s alpha/p-value hacking/stress-value hacking or correlation hacking, i.e.: the instrumental elimination of items from the calculation for the purpose of improving the results. Doesn’t this remove us from empiricism, i.e. the object of research, due to mathematical aesthetics?
2. Theoretical and even normative considerations go into the selection and interpretation of the items (cf. excerpt), but my lecturer made the mistake of adding a „don’t know“ item to the 4-Likert scale I wanted, which of course meant that I did collect the missing items twice since some people simply did not mark anything. Ultimately, the missing values accumulated in my multivariate model, so that in the end I could only include frequently answered items in the model. The original model with all items had 9 valid cases out of 200, the reduced ones 40-50. Epistemologically, I now faced the same question as in „1.“
3. The material in quantitative attitude tests is a self-assessment (!) on a 4/5/7 Likert scale, with all the known bias factors (extreme bias, central tendency, social desirability, etc.). One cannot speak of a high validity or measurement accuracy, even if a good questionnaire construction can counteract this. Social desirability can be broken, for example, by pre-shelled questions about the peer group’s opinion: Do your parents/friends have something against black people?
4. In the end, my theses have been confirmed. However, I did not draw more insights from the study than I put into it. Whatever, at the end of the day, the normative-theoretical debate with my tutors was about whether my assessment of various answers in items that were supposed to measure the concept of „cultural relativism“ as „left-wing authoritarian“ and „philoracist“ was appropriate. So it was not a matter of empiricism, falsificationism, and statistics, but of philosophy and theory work.
5. Finally, many social scientists usually do not understand the assumptions and logic of the complex multivariate analysis methods they use. I actually tried to understand what is being calculated in the correspondence analysis and failed at the singular value decomposition step for the time being because (at this time) I wasn’t familiar with matrix calculus.
At the end of the day, qualitative criteria and values are interpreted, and the rules of this scheme are often only partially understood. Of course, this also applies to the selection principles of the statistical formula. In the end, I used an ordinal MDS, rather than a factor analysis or multiple correspondence analysis, because of the ordinal scale level. It would be more scientific to consciously choose an algorithm and not just roughly understand how it works.

Gogh

Abstract of a future research project designed (unsolicited) for the CIA or the 中華人民共和國國家安全部 / 中华人民共和国国家安全部:
An adequate scale to measure religious fundamentalism would need to include items such as – 1. Back to the roots, 2. There is only one interpretation of scripture, 3. Religious rules are more important than secular laws – analyzed in the context of the F-scale and questions about daily political-religious issues, such as the Mohammed cartoons. In context, of course, that means measuring the correlation of the old F scale items with the Islam items stated above. First explorative (multidimensional scaling, factor analysis, cluster analyses), then concluding (regression analyses)
I am not a fan of the modern abbreviated scales used in authoritarianism research today. I decidedly want the F-scale items of the authoritarian character studies (all of them!). These surveys could take place in Xinjiang, Chechnya, Azerbaijan, Afghanistan, Pakistan, Bangladesh, Philippines, Indonesia, Syria, Yemen, Saudi Arabia, Palestine, and Iran in order to find out where people are more authoritarian. It would empirically prove the concept of Islamic authoritarianism or Islamofascism.
Obviously, since this would be a project that would require interviewing enough Muslim citizens from different nations around the world, it is pretty costly, which is why only an intelligence agency could afford to conduct such a survey.
Nevertheless, this project would make it possible not only to provide statistical evidence for the concept of Islamofascism but also to work out the regional differences. Are people on Jolo (Philippines) less Islamist than ISIL in Deir ez-Zor? What are the precise differences between Shiites and Sunnis in terms of authoritarian personality?

Je suis Charlie