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Collected poems:
- „Zentrale Konzepte innerhalb dieses Ansatzes sind die Theorie der narzisstischen Persönlichkeitsstörungen und das sogenannte Borderline-Syndrom (Kohut, 1971; Kernberg, 1975). Ein näheres Eingehen auf beide würde den hier gegebenen Rahmen sprengen. Es ist jedoch auf die Arbeiten von Meloy (1992, 1996, 1998) zu verweisen dessen Theorie der obsessive followers den bisher umfangreichsten Versuch einer Erklärung von Stalking auf psychoanalytischer Grundlage darstellt.[….] (3) Die Zurückweisung (quasi durch die Realität), die in krassem Gegensatz steht zu den sich wiederholenden Vereinigungs-Phantasien, verursacht eine tiefe narzisstische Kränkung (im Original „Wunde“), verbunden mit dem Gefühl der Erniedrigung oder Scham. (4) Die Scham wird abgewehrt durch narzisstische Wut (Kohut, 1972).Scham.[…](6) Führt Phase 5 zum Erfolg, das heißt, ist das Objekt in ausreichendem Maße abgewertet, kann die narzisstische Vereinigungsphantasie wiederhergestellt werden.[…]Der psychopathologische Aspekt wird hier besonders deutlich in Form eines Verlustes an Realität (nicht zu verwechseln mit einer Herabsetzung des Bewusstseins), der unterschiedliche Grade annehmen kann und in extremer Ausformung den Übergang zu schweren Formen von Persönlichkeitsstörungen (Borderline-Syndrom, Psychose) kennzeichnet.“ (Voß)
- „The term erotomania refers to the delusional disorder, erotomanic subtype, in which the individual falsely believes he or she is loved by another.[…]Although the single and multiple case studies of erotomanic obsessional followers were usually men pursuing women (Goldstein, 1978, 1987; Leong, 1994; Noone & Coeldaill, 1987; Taylor etal., 1983), the larger studies found a significant number of erotomanic women pursuing men. Zona et al. (1993) found six out of seven erotomanics to be females. Mullen and Path6 (1994a) found that two of their five pure or primary erotomanic cases were females. Harmon et al. (1995)reported that all six of their erotomanic cases were women. Meloy and Gothard (1995), however, found that their two erotomanic cases were both men. These data can only suggest that the victims of erotomanic obsessional followers are more likely to be men than victims of obsessional followers with other disorders and motivations.“ (Meloy)
…
„The most likely Axis II diagnosis was a cluster B personality disorder that was not antisocial personality disorder (ASPD). The random comparison group of offenders with mental disorders were significantly more likely to have ASPD, and significantly less likely to have another personality disorder. Meloy and Gothard (1995)interpreted this from an attachment theory perspective, asserting that less antisocial personality disorder in obsessional followers made sense because ASPD was a disorder of chronic emotional detachment. An obsessional follower would be more likely to have an intense and pathological attachment to his object of pursuit, particularly in the face of continuous rejection. These findings parallel nicely the research of Dutton (1995) linking borderline psychopathology, attachment theory, and domestic violence.[…]The psychopathology of obsessional following appears to be, in part, a maladaptive response to social incompetence, social isolation, and loneliness. What differentiates these individuals from others, however, appears to be their aggression and pathological narcissism. The acting out of their obsession in pursuit, and in a few cases eventual violence, is likely due to a disturbance in their narcissistic economy. A real event, such as acute or chronic rejection challenges the compensatory narcissistic fantasy that the obsessional follower is special, loved, idealized, admired, superior to, in some way linked, or destined to be with the object of pursuit. Disturbance of this narcissistic fantasy, imbued with both a sense of grandiosity and a feeling of pride, triggers feelings of shame or humiliation that are defended against with rage. Such intense anger also fends off any feeling of sadness because the capacity to grieve the loss of a whole, real, and meaningful person is not available to the obsessional follower. Instead, from a self psychology perspective (Kohut, 1971), a merging narcissistic transference is apparent, characterized by rage toward a self object and attempts to control it. These psychoanalytic formulations could apply to both „amorous“ and „persecutory“ motivated individuals (Harmon et al., 1995). Borderline defenses serve this narcissistic economy well. Denial, splitting, initial idealization, eventual devaluation, projection, and projective identification are explicitly mentioned, or implicitly referenced, in many of the reviewed cases. Some neurotic defenses are also apparent, including minimization and rationalization, the latter most evident in a plausible, but false, explanation for pursuit.“ (Meloy) - „Sie nahm für sich das Recht in Anspruch, sich in bezug auf ihre meisten Lebensbereiche in absolutes Stillschweigen zu hüllen und den Therapeuten völlig herauszuhalten. Die Behandlungssituation benutzte sie dem Anschein nach als eine Art von magischem Ritual; auf einer tieferen Ebene gesehen agierte sie im Therapie offensichlich ihr Bedürfnis nach totaler sadistischer Beherrschung eines Übertragungsobjekts, auf das sie ihre Aggression projizierte.“ (Kernberg)
- „(c) Primitive Selbstdestruktivität. Es gibt schließlich auch noch ein »niederes Niveau« von masochistischen Charakterstörungen, wo man eine ziemlich primitive Sexualisierung masochistischer Bedürfnisse und eventuell auch pervers-masochistische Tendenzen beobachtet und wo Aggression unterschiedslos sowohl gegen die Außenwelt wie gegen den eigenen Körper ausagiert wird. Zu dieser Gruppe gehören unter anderem Patienten mit ausgeprägten selbstdestruktiven Zügen (die auch kein gut integriertes Über-Ich haben und auffallend wenig in der Lage sind, Schuldgefühle zu empfinden). Als typisches Beispiel hierfür sind Patienten anzuführen, die im Sinne einer unspezifischen Entlastung von Angst- und Spannungsgefühlen sich selbst Schnittwunden oder sonstige Verletzungen zufügen oder die in einer Stimmung von großer Wut, aber ohne eigentliche Depression, impulsive Suizidversuche unternehmen. Psychodynamisch gesehen überwiegen bei diesen Patienten präödipale Konflikte, unter deren Einfluß es zu ziemlich primitiven Mischungen und Entmischungen aggressiver und sexueller Triebimpulse kommt. Die Mehrzahl dieser Patienten – wenn nicht überhaupt alle – weisen eine Borderline-Persönlichkeitsstruktur auf. (Kernberg)
- „when a 2-year-old does it it’s like it’s you know it’s a little off-putting but when an adult does it it’s completely bloody terrifying and it it happens very frequently with borderlines and so I would also say to some degree they didn’t get properly socialized between that critical period of development between 2 and four[…] and they tend to turn into long-term offenders […] now there are dialectic behavioral therapies that have been developed for people with borderline personality disorder and they’re purported [lol, R.I.P.] to be successful“ (Peterson)
- „Because of dissociation, other patients continue to make an effort to survive; they relate and are not narcissistically bodily-focused.“ (Arvin Bains)
- „In seeking to learn from death, she encourages a contemplative engagement with the transitory nature of life, prompting individuals to reflect on the significance of their actions and pursuits.“ (Wanyoung Kim-Murphy)
8.

44.
„Danach legen Borderline-Patienten eine ausgeprägte Hypervigilanz an den Tag und neigen dazu, Stimuli im zwischenmenschlichen Bereich negativ zu interpretieren. Dies führt zu einer unmittelbaren und nicht selten drastischen Aktivierung einer ganzen Reihe negativer Affekte – mit den entsprechenden Selbst- und Objektrepräsentanzen – im zwischenmenschlichen Bereich wie auch in der therapeutischen Beziehung. Während sich der Patient im Rahmen einer solchen Selbst-Objekt-Dyade typischerweise als Opfer eines aggressiven Gegenübers wahrnimmt, ist doch die gesamte negative Objektbeziehungsdyade in ihm existent. Wenn wir die aktuellen therapeutischen Verfahren zur Behandlung von Borderline-Persönlichkeitsstörungen betrachten, so scheint dieser Aspekt allein in der Übertragungsfokussierten Psychotherapie Beachtung zu finden (s. Kap. 68). Entsprechend der Opfer-Täter-Dyade kommt es zu einer Kristallisation eigentlich normaler und gesunder aggressiver und auf Selbstbehauptung ausgerichteter Impulse um die starke innere Repräsentanz eines realen oder phantasierten Verfolgers. Dies schafft eine innere Struktur, in der jegliches Wachrufen negativer Affekte (z. B. Wut, Neid, Verzweiflung) ein extremes und als giftig erlebtes Bild schafft, was wiederum zur Entladung des Affekts über Ausagieren und Projektion führt.[…]Die grundlegende Spaltung im Borderline-Patienten ist somit keine Spaltung zwischen »gutem« Opfer und »bösem« Täter, sondern zwischen einer Täter-Opfer-Dyade, deren beide Pole affektiv ausschließlich negativ besetzt sind, und einer Dyade zwischen geliebtem Selbst und idealer Bezugsperson, deren rein positive affektive Besetzung gleichermaßen unrealistisch-überzogen ist. Die in diesem Sinne polarisierten positiven und negativen Affekte neigen dazu, sich gegenseitig abzuwehren, d. h., die Erfahrung eines positiven Affekts erlaubt nicht den leisesten Hauch einer negativen Empfindung und umgekehrt. Dieses System dient dazu, jene Angst abzuwehren, die im Patienten aufkommt, wenn widerstreitende positive und negative Affekte sowie die damit verbundenen Repräsentanzen gleichzeitig ins Bewusstsein drängen.“
88.
„Wenn man zum Beispiel Patienten verbietet, in den Behandlungsstunden zu brüllen, statt ihre Wut auf übliche Weise zu verbalisieren, wenn man ihnen verbietet, Gegenstände in der Praxis des Therapeuten zu beschädigen oder zu zerstören, oder wenn man darauf besteht, daß sie nicht versuchen sollen,das Leben des Therapeuten außerhalb ihrer Behandlungsstunden aktiv zu kontrollieren und zu beherrschen, so handelt es sich dabei meines Erachtens in jedem Falle um gelegentlich notwendige Bemühungen des Therapeuten, die darauf zielen, ein neutrales Behandlungsklima zu wahren, also um Meisterbeispiele für technische Parameter, die sich im Laufe der Therapie auch wieder abbauen lassen. Versuche von Patienten, das Privatleben ihres Psychotherapeuten zu kontrollieren und zu beherrschen, beobachten wir unter anderem in Form häufiger nächtlicher Telefonanrufe, im Versuch, dem Therapeuten oder dessen Angehörigen nachzuspionieren oder durch subtile Manipulation unter Einbeziehung von Drittpersonen sein Privat- und Berufsleben zu beeinflussen. Alle diese Übertragungsphänomene müssen zunächst analysiert werden; erst wenn sie durch Deutungen allein nicht abzustellen sind, muß der Therapeut eventuell ein Verbot aussprechen, um die Grenzen seines Privatlebens und ebenso auch die Grenzen einer normalen psychotherapeutischen Beziehung zu schützen.“
(Kernberg, Borderline-Störungen und pathologischer Narzißmus)
&
„Da Patienten mit Borderline-Störungen stets eine schwere Charakterpathologie mit entsprechend primitiven Charakterabwehrformen aufweisen, wobei diese Konstellation primitiver Abwehrmechanismen wie Spaltung, projektive Identifizierung, Allmachtsphantasien und Entwertungstendenzen überwiegend im averbalen Verhalten in der Behandlungssituation (daneben natürlich auch in den verbalisierten Inhalten) zum Ausdruck kommt, und da vor allem die für diese Patienten so typische frühzeitige Übertragungsregression in der Gesamtinteraktion mit dem Therapeuten zum Ausdruck kommt, ist es von der ersten Sitzung an entscheidend, ein besonderes Augenmerk auf das Verhalten des Patienten zu richten. Anders ausgedrückt: Je weiter wir vom neurotischen zum Borderline-Niveau der Charakterpathologie gelangen, desto wichtiger wird der averbale Verhaltensaspekt im Gesamtangebot des Patienten, und die Situation des Gegenübersitzens ermöglicht nun einmal eine vollständigere Beobachtung und Erfassung dieses Anteils im Kontext der Analyse der gesamten Interaktion zwischen Patient und Therapeut. Die Hauptgefahren der sitzenden Anordnung bestehen darin, daß der Therapeut den Ausdruck seiner Gegenübertragungsreaktionen eventuell weniger unter Kontrolle hat und der Patient in stärkerem Maße versuchen kann, den Therapeuten unter seine Kontrolle zu bringen. Das Gegenübersitzen bietet im Gegensatz zum üblichen Setting des Hinter-der-Couch-Sitzens sowohl dem Therapeuten wie dem Patienten weniger Schutz vor einer möglichen Überwältigung durch das Übertragungs-Gegenübertragungsgeschehen und erleichtert dem Patienten die Wahrnehmung bestimmter realer Persönlichkeitseigenschaften des Therapeuten, wodurch unter Umständen bestimmte Abwehrformen wie projektive Identifizierung, primitive Idealisierung und Entwertung von der Realität des Therapeuten her bestätigt und begünstigt werden.“ (Kernberg)
333.
„Stets noch werden, wie Karl Kraus erkannte, unerlaubte Zärtlichkeiten gegen Minderjährige härter bestraft, als wenn Eltern oder Lehrherren sie halbtot prügeln.[…]Die deutschen Autositten gehören wohl überhaupt, im Gegensatz zu den angelsächsischen wie zu den romanischen Ländern, zu jenen nationalen Eigentümlichkeiten, in denen etwas vom Geist des Hitlerischen Reiches sichtbar fortdauert: die Geringschätzung des Menschenlebens, von dem eine alte deutsche Ideologie bereits den Gymnasisten einbläute, es sei der Güter höchstes nicht. Was damals, als bloß empirisch, verachtet ward gegenüber der Majestät des Sittengesetzes, wird, im Lauf des Entwicklungszuges einer Gesellschaft, die stolz darauf ist, der Ideologien sich entledigt zu haben, nun verachtet aus primitivsten Regungen von Selbsterhaltung, dem Drang zum Vorwärtskommen im unmetaphorischen Sinn, der Verleiblichung gesunden Erfolgswillens. Ganz unideologisch geht es freilich auch dabei nicht zu: wo einst das Sittengesetz waltete, wird nun darüber gewacht, daß man die Verkehrsordnung respektiert; die Voraussetzung dafür, jemand guten Gewissens umzubringen, ist das grüne Licht der Ampel. Analog hat die Sozialpsychologie beim Studium der nationalsozialistischen Mordes den Begriff des Legalitären geprägt. Geplante Morde wurden durch irgendwelche Veranstaltungen, sei es auch post festum, gedeckt, indem die Volksvertreter sie als rechtens erklärten. Legalitäres Bedürfnis hegt offenbar die Brutalität des Straßenverkehrs ebenso wie die bei der Verfolgung unschuldiger Opfer und unschuldiger Vergehen. Das Einverständnis mit der Rohheit, mit verdrückten Instinkten dort, wo sie mit institutionellen sozialen Formen harmonieren, begleitet treulich den Hetzgesang gegen die Partialtriebe.“ (Adorno: Sexualtabus und Recht heute)
666.
11 Tisch und Bett. – Sobald Menschen, auch gutartige, freundliche und gebildete, sich scheiden lassen, pflegt eine Staubwolke aufzusteigen, die alles überzieht und verfärbt, womit sie in Berührung kommt. Es ist, als hätte die Sphäre der Intimität, das unwachsame Vertrauen des gemeinsamen Lebens sich in einen bösen Giftstoff verwandelt, wenn die Beziehungen zerbrochen sind, in denen sie beruhte. Das Intime zwischen Menschen ist Nachsicht, Duldung, Zuflucht für Eigenheiten. Wird es hervorgezerrt, so kommt von selber das Moment der Schwäche daran zum Vorschein, und bei der Scheidung ist eine solche Wendung nach außen unvermeidlich. Sie bemächtigt sich des Inventars der Vertrautheit. Dinge, die einmal Zeichen liebender Sorge, Bilder von Versöhnung gewesen sind, machen sich plötzlich als Werte selbständig und zeigen ihre böse, kalte und verderbliche Seite. Professoren brechen nach der Trennung in die Wohnung ihrer Frau ein, um Gegenstände aus dem Schreibtisch zu entwenden, und wohldotierte Damen denunzieren ihre Männer wegen Steuerhinterziehung. Gewährt die Ehe eine der letzten Möglichkeiten, humane Zellenim inhumanen Allgemeinen zu bilden, so rächt das Allgemeine sich in ihrem Zerfall, indem es des scheinbar Ausgenommenen sich bemächtigt, den entfremdeten Ordnungen von Recht und Eigentum es unterstellt und die verhöhnt, die davor sich sicher wähnten. Gerade das Behütete wird zum grausamen Requisit des Preisgegebenseins. Je »großzügiger« die Vermählten ursprünglich zueinander sich verhielten, je weniger sie an Besitz und Verpflichtung dachten, desto abscheulicherwird die Entwürdigung. Denn es ist eben der Bereich des rechtlich Undefinierten, indem Streit, Diffamierung, der endlose Konflikt der Interessen gedeihen. All das Dunkle, auf dessen Grund die Institution der Ehe sich erhebt, die barbarische Verfügung des Mannes über Eigentum und Arbeit der Frau, die nicht minder barbarische Sexualunterdrückung, die den Mann tendenziell dazu nötigt, für die sein Leben lang die Verantwortung zu übernehmen, mit der zu schlafen ihm einmal Lust bereitete – all das kriecht aus den Kellern und Fundamenten ins Freie, wenn das Haus demoliert wird. Die einmal das gute Allgemeine in der beschränkenden Zugehörigkeit zueinander erfuhren, werden nun von der Gesellschaft gezwungen, sich für Schurken zu halten und zu lernen, daß sie dem Allgemeinen der unbeschränkten Gemeinheit draußen gleichen. Das Allgemeine erweist sich bei der Scheidung als das Schandmal des Besonderen, weil das Besondere, die Ehe, das wahre Allgemeine in dieserGesellschaft nicht zu verwirklichen vermag.
– Adorno
1312.
»Erinnerst du dich noch des Zimmers in der kleinen Villa am Wörthersee, wo ich mit den Eltern im Sommer unserer Verlobung gewohnt habe?«
Er nickte.
»So fing der Traum nämlich an, daß ich in dieses Zimmer trat, ich weiß nicht woher – wie eine Schauspielerin auf die Szene. Ich wußte nur, daß die Eltern sich auf Reisen befanden und mich allein gelassen hatten. Das wunderte mich, denn morgen sollte unsere Hochzeit sein. Aber das Brautkleid war noch nicht da. Oder irrte ich mich vielleicht? Ich öffnete den Schrank, um nachzusehen, da hingen statt des Brautkleides eine ganze Menge von anderen Kleidern, Kostüme eigentlich, opernhaft, prächtig, orientalisch. Welches soll ich denn nur zur Hochzeit anziehen? dachte ich. Da fiel der Schrank plötzlich wieder zu oder war fort, ich weiß nicht mehr. Das Zimmer war ganz hell, aber draußen vor dem Fenster war finstere Nacht… Mit einem Male standest du davor, Galeerensklaven hatten dich hergerudert, ich sah sie eben im Dunkel verschwinden. Du warst sehr kostbar gekleidet, in Gold und Seide, hattest einen Dolch mit Silbergehänge an der Seite und hobst mich aus dem Fenster. Ich war jetzt auch herrlich angetan, wie eine Prinzessin, beide standen wir im Freien im Dämmerschein, und feine graue Nebel reichten uns bis an die Knöchel. Es war die wohlvertraute Gegend: dort war der See, vor uns die Berglandschaft, auch die Landhäuser sah ich, sie standen da wie aus einer Spielzeugschachtel. Wir zwei aber, du und ich, wir schwebten, nein, wir flogen über die Nebel hin, und ich dachte: Dies ist also unsere Hochzeitsreise. Bald aber flogen wir nicht mehr, wir gingen einen Waldweg hin, den zur Elisabethhöhe, und plötzlich befanden wir uns sehr hoch im Gebirge in einer Art Lichtung, die auf drei Seiten von Wald umfriedet war, während rückwärts eine steile Felswand in die Höhe ragte. Über uns aber war ein Sternenhimmel so blau und weit gespannt, wie er in Wirklichkeit gar nicht existiert, und das war die Decke unseres Brautgemachs. Du nahmst mich in die Arme und liebtest mich sehr.«
»Du mich hoffentlich auch«, meinte Fridolin mit einem unsichtbaren bösen Lächeln.
»Ich glaube, noch viel mehr«, erwiderte Albertine ernst. »Aber, wie soll ich dir das erklären – trotz der innigsten Umarmung war unsere Zärtlichkeit ganz schwermütig wie mit einer Ahnung von vorbestimmtem Leid. Mit einemmal war der Morgen da. Die Wiese war licht und bunt, der Wald ringsum köstlich betaut, und über der Felswand zitterten Sonnenstrahlen. Und wir beide sollten nun wieder zurück in die Welt, unter die Menschen, es war die höchste Zeit. Doch nun war etwas Fürchterliches geschehen. Unsere Kleider waren fort. Ein Entsetzen ohnegleichen erfaßte mich, brennende Scham bis zu innerer Vernichtung, zugleich Zorn gegen dich, als wärst du allein an dem Unglück schuld; – und all das: Entsetzen, Scham, Zorn war an Heftigkeit mit nichts zu vergleichen, was ich jemals im Wachsein empfunden habe. Du aber im Bewußtsein deiner Schuld stürztest davon, nackt wie du warst, um hinabzusteigen und uns Gewänder zu verschaffen. Und als du verschwunden warst, wurde mir ganz leicht zumut. Du tatest mir weder leid, noch war ich in Sorge um dich, ich war nur froh, daß ich allein war, lief glückselig auf der Wiese umher und sang: es war die Melodie eines Tanzes, die wir auf der Redoute gehört haben. Meine Stimme klang wundervoll, und ich wünschte, man sollte mich unten in der Stadt hören. Diese Stadt sah ich nicht, aber ich wußte sie. Sie lag tief unter mir und war von einer hohen Mauer umgeben; eine ganz phantastische Stadt, die ich nicht schildern kann. Nicht orientalisch, auch nicht eigentlich altdeutsch, und doch bald das eine, bald das andere, jedenfalls eine längst und für immer versunkene Stadt. Ich aber lag plötzlich auf der Wiese hingestreckt im Sonnenglanz – viel schöner, als ich je in Wirklichkeit war, und während ich so dalag, trat aus dem Wald ein Herr, ein junger Mensch hervor, in einem hellen, modernen Anzug, er sah, wie ich jetzt weiß, ungefähr aus wie der Däne, von dem ich dir gestern erzählt habe. Er ging seines Weges, grüßte sehr höflich, als er an mir vorüberkam, beachtete mich aber nicht weiter, ging geradenwegs auf die Felswand zu und betrachtete sie aufmerksam, als überlegte er, wie man sie bezwingen könnte. Zugleich aber sah ich auch dich. Du eiltest in der versunkenen Stadt von Haus zu Haus, von Kaufladen zu Kaufladen, bald unter Laubengängen, bald durch eine Art von türkischem Bazar, und kauftest die schönsten Dinge ein, die du für mich nur finden konntest: Kleider, Wäsche, Schuhe, Schmuck; – und all das tatest du in eine kleine gelblederne Handtasche, in der doch alles Platz fand. Immerfort aber warst du von einer Menschenmenge verfolgt, die ich nicht wahrnahm, ich hörte nur ihr dumpfes, drohendes Geheul. Und nun erschien der andere wieder, der Däne, der früher vor der Felswand stehengeblieben war. Wieder kam er vom Walde her auf mich zu – und ich wußte, daß er indessen um die ganze Welt gewandert war. Er sah anders aus als zuvor, aber doch war er derselbe. Er blieb wie das erstemal vor der Felswand stehen, verschwand wieder, dann kam er wieder aus dem Wald hervor, verschwand, kam aus dem Wald; das wiederholte sich zwei oder drei oder hundertmal. Es war immer derselbe und immer ein anderer, jedesmal grüßte er, wenn er an mir vorüberkam, endlich aber blieb er vor mir stehen, sah mich prüfend an, ich lachte verlockend, wie ich nie in meinem Leben gelacht habe, er streckte die Arme nach mir aus, nun wollte ich fliehen, doch ich vermochte es nicht – und er sank zu mir auf die Wiese hin.«
Sie schwieg. Fridolin war die Kehle trocken, im Dunkel des Zimmers merkte er, wie Albertine das Gesicht in den Händen gleichsam verborgen hielt.
»Ein merkwürdiger Traum«, sagte er. »Ist er schon zu Ende?« Und da sie verneinte: »So erzähl‘ doch weiter.«
»Es ist nicht so leicht«, begann sie wieder. »In Worten lassen sich diese Dinge eigentlich kaum ausdrücken. Also – mir war, als erlebte ich unzählige Tage und Nächte, es gab weder Zeit noch Raum, es war auch nicht mehr die von Wald und Fels eingefriedete Lichtung, in der ich mich befand, es war eine weit, unendlich weithin gedehnte, blumenbunte Fläche, die sich nach allen Seiten in den Horizont verlor. Ich war auch längst – seltsam: dieses längst! – nicht mehr mit diesem einen Mann allein auf der Wiese. Aber ob außer mir noch drei oder zehn oder noch tausend Paare da waren, ob ich sie sah oder nicht, ob ich nur jenem einen oder auch andern gehörte, ich könnte es nicht sagen. Aber so wie jenes frühere Gefühl von Entsetzen und Scham über alles im Wachen Vorstellbare weit hinausging, so gibt es gewiß nichts in unserer bewußten Existenz, das der Gelöstheit, der Freiheit, dem Glück gleichkommt, das ich nun in diesem Traum empfand. Und dabei hörte ich keinen Augenblick lang auf, von dir zu wissen. Ja, ich sah dich, ich sah, wie du ergriffen wurdest, von Soldaten, glaube ich, auch Geistliche waren darunter; irgendwer, ein riesengroßer Mensch, fesselte deine Hände, und ich wußte, daß du hingerichtet werden solltest. Ich wußte es ohne Mitleid, ohne Schauer, ganz von fern. Man führte dich in einen Hof, in eine Art von Burghof. Da standest du nun mit nach rückwärts gefesselten Händen und nackt. Und so wie ich dich sah, obwohl ich anderswo war, so sahst du auch mich, auch den Mann, der mich in seinen Armen hielt, und alle die anderen Paare, diese unendliche Flut von Nacktheit, die mich umschäumte, und von der ich und der Mann, der mich umschlungen hielt, gleichsam nur eine Welle bedeuteten.Während du nun im Burghof standest, erschien an einem hohen Bogenfenster zwischen roten Vorhängen eine junge Frau mit einem Diadem auf dem Haupt und im Purpurmantel. Es war die Fürstin des Landes. Sie sah hinab zu dir mit einem streng fragenden Blick. Du standest allein, die andern, so viele es waren, hielten sich abseits, an die Mauern gedrückt, ich hörte ein tückisches, gefahrdrohendes Murmeln und Raunen. Da beugte sich die Fürstin über die Brüstung. Es wurde still, und die Fürstin gab dir ein Zeichen, als gebiete sie dir, zu ihr hinaufzukommen, und ich wußte, daß sie entschlossen war, dich zu begnadigen. Aber du merktest ihren Blick nicht oder wolltest ihn nicht bemerken. Plötzlich aber, immer noch mit gefesselten Händen, doch in einen schwarzen Mantel gehüllt, standest du ihr gegenüber, nicht etwa in einem Gemach, sondern irgendwie in freier Luft, schwebend gleichsam. Sie hielt ein Pergamentblatt in der Hand, dein Todesurteil, in dem auch deine Schuld und die Gründe deiner Verurteilung aufgezeichnet waren. Sie fragte dich – ich hörte die Worte nicht, aber ich wußte es –, ob du bereit seist, ihr Geliebter zu werden, in diesem Fall war dir die Todesstrafe erlassen. Du schütteltest verneinend den Kopf. Ich wunderte mich nicht, denn es war vollkommen in der Ordnung und konnte gar nicht anders sein, als daß du mir auf alle Gefahr hin und in alle Ewigkeit die Treue halten mußtest. Da zuckte die Fürstin die Achseln, winkte ins Leere, und da befandest du dich plötzlich in einem unterirdischen Kellerraum, und Peitschen sausten auf dich nieder, ohne daß ich die Leute sah, die die Peitschen schwangen. Das Blut floß wie in Bächen an dir herab, ich sah es fließen, war mir meiner Grausamkeit bewußt, ohne mich über sie zu wundern. Nun trat die Fürstin auf dich zu. Ihre Haare waren aufgelöst, flossen um ihren nackten Leib, das Diadem hielt sie in beiden Händen dir entgegen – und ich wußte, daß sie das Mädchen vom dänischen Strande war, das du einmal des Morgens nackt auf der Terrasse einer Badehütte gesehen hattest. Sie sprach kein Wort, aber der Sinn ihres Hierseins, ja ihres Schweigens war, ob du ihr Gatte und der Fürst des Landes werden wolltest. Und da du wieder ablehntest, war sie plötzlich verschwunden, ich aber sah zugleich, wie man ein Kreuz für dich aufrichtete; – nicht unten im Burghof, nein, auf der blumenübersäten unendlichen Wiese, wo ich in den Armen eines Geliebten ruhte, unter all den andern Liebespaaren. Dich aber sah ich, wie du durch altertümliche Gassen allein dahinschrittest ohne jede Bewachung, doch wußte ich, daß dein Weg dir vorgezeichnet und jede Flucht unmöglich war. Jetzt gingst du den Waldpfad bergan. Ich erwartete dich mit Spannung, aber ohne jedes Mitgefühl. Dein Körper war mit Striemen bedeckt, die aber nicht mehr bluteten. Du stiegst immer höher hinan, der Pfad wurde breiter, der Wald trat zu beiden Seiten zurück, und nun standest du am Wiesenrand in einer ungeheuern, unbegreiflichen Ferne. Doch du grüßtest mich lächelnd mit den Augen, wie zum Zeichen, daß du meinen Wunsch erfüllt hattest und mir alles brachtest, wessen ich bedurfte: – Kleider und Schuhe und Schmuck. Ich aber fand dein Gebaren über alle Maßen töricht und sinnlos, und es lockte mich, dich zu verhöhnen, dir ins Gesicht zu lachen – und gerade darum, weil du aus Treue zu mir die Hand einer Fürstin ausgeschlagen, Foltern erduldet und nun hier heraufgewankt kamst, um einen furchtbaren Tod zu erleiden. Ich lief dir entgegen, auch du schlugst einen immer rascheren Gang ein – ich begann zu schweben, auch du schwebtest in den Lüften; doch plötzlich entschwanden wir einander, und ich wußte: wir waren aneinander vorbeigeflogen. Da wünschte ich, du solltest doch wenigstens mein Lachen hören, gerade während man dich ans Kreuz schlüge. – Und so lachte ich auf, so schrill, so laut ich konnte. Das war das Lachen, Fridolin – mit dem ich erwacht bin.«
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