Onkel Joschi & Tante Marianne
„I have often thought that there is something
especially inhuman about taking a person away
from his home and family and locking him up
for years at a time in sterile concrete boxes
where he is routinely preyed on by other,
more vicious criminals; better to whip offenders
in public, or chop off their hands.“
(Serge Muller)
„So starb der Onkel Joschi, und konnte nix dafür“
(Kreisler)



Wer durch die Galerien und Museen läuft und von Geheimdiensten überwacht wird, der muss damit rechnen, dass eine Kritik, die einer beispielsweise an der Galerie von & von (per Mail) äußert (& die in Hausverbot resultierte), Panik bei anderen Galerien auslöst. Carol Johnssen wurde gewarnt und beharrte präventiv darauf, dass die Werke, die sie ausstellen würde, nicht irgendein Schund wären, den sich Banker über den Schreibtisch hängen würden. An das Niveau von »Die Galerie« in Frankfurt reicht Ben Willikens trotz alledem nicht heran: Ben Willikens ausgestellte Werke waren zu poppig. Ihre Galerie liegt nur zwei Gehminuten vom amerikanischen Konsulat in München entfernt & sie ist Amerikanerin. Sie legte mir Gerhard Richter ans Herz. Ich hörte den Namen bereits, und ich kannte durch den Besuch des Museums für Moderne Kunst in Nürnberg (Neues Museum – Staatliches Museum für Kunst und Design Nürnberg) auch einige seiner Werke, doch konnte keine Verbindung herstellen. Auf Spotify wurde er aggressiv beworben. Scheinbar ist er der teuerste, gegenwärtig lebende Künstler Deutschlands:
Wenn man das Orakel des Marktes fragt, dann ist Taylor Swift der neue Beethoven.
Gerhard »von nichts gewusst« Richter versteht sein Handwerk ebenfalls. Er heiratete die Tochter des Mörders seiner Tante und das entsprechende Bild „Tante Marianne“ ist so verzerrt, wie seine Erinnerungen damals verschwommen gewesen sein mögen. Tante Marianne war schizophren und wurde in der sog. „Aktion Brandt“ von seinem späteren Schwiegervater, der Klinikdirektor war, ermordet. Zuvor sterilisiert. Wie eine räudige Hündin. Gerhard Richter wusste von all dem nichts, als ihm sein Mörder-Schwiegervater die Flitterwochen und Hochzeit bezahlte:
„Als sie ihren Kommilitonen Gerhard Richter heiratete, kam der Professor Eufinger großzügig für die Hochzeit und eine Reise in die Flitterwochen auf.“ (Jochen Stöckmann)

Heutzutage treiben Geheimdienste Stalkingopfer erst vermittels sogenannter „Weißer Folter“ in die schwere Traumafolgestörung und ermorden sie dann in der strukturellen Dissoziation: Prozesse, die eher mit der »Zersetzung« in der DDR vergleichbar wären. Karin Ritter (DDR) und Tante Marianne verweisen auf die Identität der Identität und Nicht-Identität, letztendlich auf Geschichtsrevisionismus, doch all das Gerede von DNA, die einer nicht weiterzugeben habe, und die Kastration schwer traumatisierter Kriegsforscher wären wohl doch Post-Nazismus zu heißen. Die Amerikanerin hatte augenscheinlich ihre Gründe, gerade mir Gerhard Richter so vehement ans Herz zu legen.
Gerhard Richter versteht sein Handwerk, wie eine Taylor Swift, doch er trat in seiner Jugend nicht als Nestbeschmutzer hervor. Bei Kaffee und Kuchen mit dem Schwiegervater schwieg man über das tragische Ende der närrischen Marianne. Scheinbar sehr bewusste Schuldgefühle trieben ihn dazu, jene in Kunst zu verarbeiten.
Dass er ein miserabler Mensch ist, wirft die alte Frage auf, inwieweit die Trennung von Person und Werk funktioniert. Bereits Adorno meinte: Ein Antisemit könne keine gute Oper komponieren und zielte damit auf Wagner, doch Schönberg, ein Komponist, den Adorno überaus verehrte, sah dies sicherlich anders. Bei einigen von Richters Collagen sprang der Funke Poesie über (in gezeichnete Räume eingefügte Fotos von Sonnenuntergängen & Wolken), wie Max Ernst sich ausdrücken würde, doch dafür ist er nicht bekannt.



Bekannt ist er für seine abstrakten Spachtelbilder, die für mindestens 1,5 Millionen Euro über die Theke gehen. Bloße Statistik, doch ist Statistik Kunst? So arbeitete bereits Jackson Pollock, den Peggy Guggenheim in Europa bekannt machte, und der von der CIA gegen den sozialistischen Realismus instrumentalisiert wurde, da er – stellvertretend für »sie« – Kreativität, Offenheit, Freiheit usw. usf. ausdrücken sollte:
„Action painting, informelle Malerei, Aleatorik mochten das resignative Moment ins Extrem treiben: das ästhetische Subjekt dispensiert sich von der Last der Formung des ihm gegenüber Zufälligen, die es länger zu tragen verzweifelt; es schiebt die Verantwortung der Organisation gleichsam dem Kontingenten selbst zu. Der Gewinn steht abermals falsch zu Buche. Die vermeintlich aus dem Kontingenten und Heterogenen destillierte Formgesetzlichkeit bleibt ihrerseits heterogen, fürs Kunstwerk unverbindlich; kunstfremd als buchstäbliche. Statistik wird zum Trost für die Absenz der traditionellen Formen.“(Adorno)

Die reichen Käufer, bspw. in Abu Dhabi oder Dubai, haben Geld, aber keinen Geschmack. Gerhard Richter war nachweislich von Rothko & Pollock inspiriert. Im Museum für Moderne Kunst Nürnberg (Neues Museum – Staatliches Museum für Kunst und Design Nürnberg), wo Richter mehrere Räume gewidmet sind, heißt es beispielsweise:
„1959: Gerhard Richter erhält die Erlaubnis, zur documenta II nach Kassel zu reisen. Die Kunstwerke von Jackson Pollock, Lucio Fontana und Mark Rothko beeindrucken ihn nachhaltig.“
Es sind Widersprüche, wie dieser, den Gabriel Rockhill übersah, als er Adorno mit einem Hinweis auf den Congress for Cultural Freedom mit der CIA in Verbindung brachte. Ebenjener Kongress für kulturelle Freiheit tagte in der Freimaurerstadt Lugano, wo auch Horkheimer und der andere Pollock, Friedrich, ihren Lebensabend verbrachten. Die Bourgeoisie, die den Adel putschte, ist kein monolithischer Block.
„Daß jedoch radikal abstrakte Bilder ohne Ärgernis in Repräsentationsräumen aufgehängt werden können, rechtfertigt keine Restauration von Gegenständlichkeit, die a priori behagt, auch wenn man für Zwecke der Versöhnung mit dem Objekt Ché Guevara erwählt. Schließlich ist Fortschritt doch nicht nur einer von Materialbeherrschung und Vergeistigung sondern einer des Geistes im Hegelschen Sinn des Bewußtseins seiner Freiheit.“(Adorno)
Auch seine abstraktesten Bilder, die lediglich den Titel »Grau« tragen, finden sich häufig in Privatsammlungen. Einige davon wohl sicherlich in Repräsentationsräumen. Wie bereits geschrieben: er ist der teuerste, gegenwärtig lebende Künstler Deutschlands. Im Tagebuch von Harry Graf Kessler heißt es bereits über Werke der Impressionisten & ihrer Nachfolger:
„Gegessen bei Baby Goldschmidt-Rothschild am Pariser Platz. 8–10 Personen, kleines Diner, äußerster Luxus, vier unschätzbare Meisterwerke von Manet, Cézanne, van Gogh, Monet an den Wänden, 30 Briefe von Van Gogh in einem überreichen, hässlichen Einband wurden nach Tisch zu Cigaretten u Kaffee herumgereicht. Armer Van Gogh! Man empfindet schließlich pogromhaft: diese Leute müsste man totschlagen. Nicht Neid, sondern Ekel über die Verfälschung u. Verflachung geistiger u. künstlerischer zu bloß materiellen Werten, zu Gegenständen des „Luxus“. – Heute um 2 ist der Druck des „Hamlet“ fertig geworden.“(Harry Graf Kessler)
..doch im Falle der abstrakten Bilder, auf die Adorno anspielt, haben wir es wohl eher mit frankistischer Kabbala-Kunst zu tun:
„Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch“ (Adorno)
Später sollte er dieses Diktum radikalisieren, doch dies soll nicht unser Thema sein. »Tante Marianne« war nicht Richters einziges Werk, in dem er sich mit der NS-Vergangenheit auseinandersetzte. Auch einige seiner schlechtesten Fotocollagen zeigen engagiert inhaftierte KZ-Häftlinge, wenn er nicht gerade dabei ist, Bilder seiner nackten, schwangeren Frau bzw. Babyfotos von Ella und Moritz zu publizieren:
„I wish to share personal Fotos with everybody“ (Prayut Chan-o-cha)
Ein Werk seiner übermalten Fotografien sticht besonders hervor:
Blutrote Farbe läuft von oben über eine Fotografie eines abstrakten Gemäldes.

Es ist der präzise Ort dieser Dialektik heute. Dialektik². Benjamin leitete die moderne Kunst bekanntlich technizistisch aus der sich („parallel dazu“) entwickelnden Möglichkeit der Fotografie ab, wobei Adorno ihn kritisierte, dass er über dem Fokus auf dem Arbeitsmittel die Vermittlung durch die gesellschaftlichen Strukturen, durch die Warenform, übersehen würde. Manet war für Theodor der präzise Ort dieser Dialektik. Gerhard Richter wusste von all dem sicherlich nichts.

„Den Massakern an Juden ging stets eine Hetzkampagne [!] voraus, in der die Juden eben jener Verbrechen bezichtigt [!] wurden, die der Antisemit zu begehen [!] im Begriffe stand. Bevor der Massenmensch die Juden ausraubt [!], ihre religiösen Symbole zerstört, ihre Körper verstümmelt [!] und ihre Frauen vergewaltigt, beschuldigt er die Juden eben dieser Grausamkeiten.“
„der raffende, schmarotzende Jude ist an der eigenen Ohnmacht schuld.“