Ich sehe mich an dieser Stelle gezwungen, noch einige vorläufige Reflexionen zu Leonie zu schreiben, da ich im Winter 2025 einigen Humbug verfasste. Ich unterstellte mir selbst ASPD, doch in fact war es die projektive Identifikation von Leonie, die ihre ASPD-Komorbidität in mir bekämpfte.
Ich habe die Differentialdiagnose zum antisozialen Verhalten im Rahmen von ADHS bereits mehrfach beschrieben, doch fasse die Punkte noch mal kurz zusammen:
Ich gestehe antisoziales Verhalten im Förderkindergarten zu. Auch später gab es den ein oder anderen Vorfall, doch davon konnte nach der Pubertät nicht mehr die Rede sein. Es ist in meinem Fall nicht nur das familiäre Umfeld zu beachten, sondern ebenfalls die frühe neurologische und gruppentherapeutische Intervention.
Ich empfand affektive Empathie für eine Soziopathin, wie schon öfters beschrieben, führte eine zuckersüße Liebesbeziehung mit Ronja (Kuschelrock all inclusive), und auch mit Sophie gab es schöne Momente. Es ist nicht so, als sei ich unfähig zu echter Liebe, wie das Kernberg für ASPD beschreibt.
Ich identifizierte mich nie total mit den kriminellen Gruppen, sondern eher noch mit der linken Theoriewelt, wobei noch gesagt werden muss, dass ich Anarchist war und bin. Drogen und die linke Szene sind spätestens seit der 68er-Bewegung untrennbar verbunden. Ich fühlte jedoch, dass ich nirgendwo richtig hineinpasste. Bei den einen galt ich als Student, bei den anderen als Kiffer. Es handelte sich um Beschaffungskriminalität. Ich rauchte sehr viel Cannabis und konnte mir das Auto, um zu Sophie zu fahren, in Kombination mit meinem Marihuana-Konsum ohne diese Geschäftchen nicht leisten. Im Übrigen hat nicht jeder Dealer automatisch ASPD. Dies greift viel zu kurz. Bei Benni bin ich mir relativ sicher. Als ich ihn das erste Mal traf, da sprühte er gerade Cannabis mit Haarspray ein. Derlei Dinge habe ich nie getan. Ich streckte nie selbst & versuchte die beste Qualität zu liefern, die ich bekommen konnte. Daher hatte ich Erfolg. Wenn es gestreckt war, dann habe ich es so verkauft bekommen und erst im Anschluss gemerkt. Einmal habe ich jemandem Oregano verkauft, aber nun ja, den wollte ich ärgern.
Ich empfand nicht nur affektive Empathie für eine Soziopathin, sondern lieh auch Freunden in Not Geld, hielt zu Jan, als er schizophren wurde, usw. usf.
Ich schätze Ehrlichkeit und bin tendenziell zu ehrlich, was ich indes auf die soziale Naivität von ADHS zurückführe.
Ich empfinde genuine Schamgefühle aufgrund von Schuldgefühlen, die der Verfassungsschutz auch ausschlachtete.
Angst & Angststörungen können ebenfalls als differentialdiagnostisches Kriterium genannt werden.
Eine Persönlichkeitsstörung hätte sich folglich bereits im Alter von 16–22 manifestieren müssen, doch in der Zeit war ich Kommunist, Feminist, führte intensive Liebesbeziehungen, usw. usf.
Meine Konklusion lautet nach wie vor: „Ich bin ein nerviger, kleiner ADHS-Empath, dessen antisoziale Verhaltensweisen sich primär aus seiner ADHS-Pathologie, Beschaffungskriminalität & bestimmten Konventionen ergeben. Aufgrund schwerwiegender, mehrfacher & anhaltender Traumatisierung entwickelte ich eine pDIS Typ 1 inkl. kPTBS-Symptomatik, wobei die dissoziative Störung merklich abklang bis verschwand.“ → Der Umstand, dass ich mich im Dezember selbst für asozial hielt, lässt sich recht einfach damit erklären, wie brutal asozial Leonie ist. Ich erstellte auch Memes darüber. Wie kann man nur eine Frau wie Sophie für eine Frau wie Leonie verlassen? Auch dafür gibt es sehr gute Gründe, doch es verdeutlicht nur noch mal, dass ich mich selbst für asozial hielt, als ich Kernberg und Rauchfleisch zu Ende las, und mir klar wurde, dass Leonie keine typische Borderline-Persönlichkeitsstörung im engeren Sinne hat. Zudem ist es mir schlicht und ergreifend peinlich gewesen, jemals affektive Empathie ihr gegenüber empfunden zu haben. Nietzsche, bspw., litt so sehr unter seinem Mitleid, dass er seine gesamte Philosophie auf der Kritik des Mitleidens und der christlichen Sklavenmoral fundierte: „Man schämte sich der Milde, wie man sich heute der Härte schämt.“ (Nietzsche, Zur Genealogie der Moral) Ich schäme mich heute der Milde und dazumal der Härte.
Jedenfalls verließ ich Sophie völlig zu Recht, und ich sollte mich dafür überhaupt nicht rechtfertigen müssen, da ich erst 22 Jahre alt war, aber ich habe es getan: sie war anhänglich und verlangte die totale Selbstaufgabe (Kiffen), obwohl ich bereits zu viel für sie aufgab (die Theoriegruppe, mein DJ-Ding). Das Erdrücken der Liebe durch die Störung (die Forderung nach permanentem WhatsApp-Kontakt, mangelnde Objektkonstanz). Trennungsangst und Minderwertigkeitskomplexe sind unsexy („Ich habe Angst, dass du mich verlässt, da ich nicht intellektuell genug bin“).
Leonie hatte nie ein Buch in der Hand. Jedenfalls war es kein Fehler, Sophie zu verlassen, aber durchaus ein Fehler, eine Beziehung mit Leonie einzugehen. Sie hatte mich in dem Moment gewonnen, als sie bei unserem ersten Mal das Weinen anfing und behauptete, vergewaltigt worden zu sein. Ich bekam Mitleid mit ihr. Mein ursprünglicher Plan war nicht gar so nobel: ich wollte Sex auf MDMA, aber ich bekam Tränen auf MDMA. MDMA wird auch die Liebesdroge genannt, und das Mitleid hielt auch danach an. Zudem ist sie durchaus selbstbewusst, eine selbstbewusste, starke Frau, bis sie zusammenbricht, ihr grandioses Selbst seine Fragilität offenbart.
„Die bei Antisozialer Persönlichkeitsstörung entwickelte vertikale Spaltung ist Folge einer solchen defensiven Struktur, durch die versucht wird, einen Zustand der Grandiosität durch Verleugnung vernichtender Scham und eines intensiven Selbstwertmangels aufrechtzuerhalten und damit die eigene Selbstkohärenz zu bewahren. Diese Grandiosität stellt sich hier als völlige Überbewertung des eigenen Selbst bei gleichzeitiger Entwertung der Objekte und einem empathielosen, manipulierendem und kontrollierenden Umgang mit ihnen dar. Auf der anderen Seite und hiervon abgespalten stehen vernichtende Gefühle von Scham und Wertlosigkeit.“
→ Ich bezeichnete sie ab und an als ASPD-Borderline. Damit meine ich keine reine ASPD auf Borderline-Organisationsniveau, sondern eine BPS mit extrem dissozialen Zügen, sodass eine Komorbidität mit ASPD angenommen werden kann.
„Bei 26 % der Borderline-Patienten liegt eine komorbide antisoziale Persönlichkeitsstörung vor (basierend auf Widiger, Frances et al., 1991).“
Bei Frauen nicht gar so üblich: Leonie ist und bleibt ein Spezialfall.
Nach ICD-11: Schwere Persönlichkeitsstörung, Negative Affektivität, Dissozialität, Enthemmung + Borderline-Muster. Freitext: Extrem dissozial. Psychopathin. Selbstverletzung manifestiert sich im suizidalen Drogenkonsum, Promiskuität kein Indiz für bessere Heilungschancen. Gewalttätig.
Ich weiß nicht, ob sie Kindergärtnerin sein sollte. Ich stelle mir ab und an vor, wie irgendwelche Biodeutschen, vlt. die süße, blonde Verfassungsschützerin (#BanalitätdesBösen), mit dem Lastenfahrrad ihre Kinder im Kindergarten abgeben und dann sitzen sie vor Leonie, die Suche nach Zärtlichkeit mit Härte bestraft, die Kinder ihrer primitiven Abwehrmechanismen und Übertragungen aussetzt.
Jedenfalls bemerkte ich nicht sofort, in was ich da hineingeraten bin. Ich wusste, dass sie sich selbst Borderline (anhand einer sich autoaggressiv ritzenden Freundin) diagnostizierte, doch kannte mich damals noch nicht so gut mit Persönlichkeitsstörungen aus. Zudem fühlte ich mich in der Beziehung anfangs subjektiv freier. Sie war polytoxykoman, hatte also keine Probleme mit meinem Marihuana-Konsum, ja, ich konnte sogar einige Experimente durchführen, die ich mir immer wünschte (Sex auf LSD, Sex auf MDMA, Sex auf Speed, usw. usf.). Sie war sehr offen für die Auslebung gewisser Partialtriebe. Sie kontrollierte NIE meine Facebook-Nachrichtenverläufe (wie Ronja) oder verlangte mehr Kontakt (wie Sophie). Sie beschwerte sich nicht, wenn ich erst spätabends kam, da ich mit meinem Cabrio Cannabis nach Roth, Hersbruck und Georgensgmünd fuhr. Ganz im Gegenteil:
„Da für Menschen mit Antisozialer-Persönlichkeitsstörung auch der kompensatorische Ausweg über die Idealisierung der relevanten Bezugspersonen bei bereits mangelhafter Spiegelungserfahrung versperrt ist, weil die Bezugspersonen z. B. sehr unzuverlässig in positiver idealisierbarer Weise zur Verfügung standen, benutzen sie Idealisierung oberflächlich und zweckgerichtet, wenn sie ihrer verbesserten Selbstkohäsion dient, z. B. wenn sie sich mit als stark wahrgenommenen Partnern verbünden (Silverstein 2007).“
Ihre Ansprüche an mich waren, und dies ist typisch Borderline, durchaus paradox: Auf der einen Seite sollte ich der starke Dealerfreund sein (und so stellte sie mich wahrscheinlich auch nach außen hin dar). Auf der anderen Seite wusste sie eventuell durch Angelo, dass ich mich für Philosophie und Psychologie interessierte. Jedenfalls beutete sie mich auch als Mülleimer für ihre Emotionen aus. Sie wusste, dass sie vor mir zusammenbrechen konnte. Sie wollte einen starken, empathischen Dealerfreund. Ich kam dem wohl recht nah, doch ich schätze, dass sie mich irgendwann sowohl als schwach wahrnahm (Entwertung 1) als auch als asozial darstellte (Entwertung 2).
Entwertung zwei begann bereits am Anfang unserer Beziehung, als ich ihr ehrlich beichtete, bis vor drei Tagen noch eine Freundin gehabt zu haben. Wie kann man nur so doof sein und einer promiskuitiven Borderliner das beichten? Jedenfalls nutzte sie dies, um mir bei ihren Freunden ihr eigenes geheimnistuerisches und promiskuitives Verhalten zuzuschreiben. Auch willigte sie in den Analverkehr ein – consent -, was sie nicht davon abhielt, mich vor ihren Freundinnen deswegen schlecht zu reden, als ich danebenstand (hell!).
Sie schlug mich mehrfach: vor meiner Mutter, vor Rene, vor ihrer Mutter schlug sie mir die Lippe blutig, doch als ich mich einmal wehrte, da ich schon mit dem Rücken zur Wand stand und ihr 10x sagte, sie solle aufhören, da stellte sie mich überall als gewalttätig dar. Vor ihren Freundinnen. Sie zeigte das Foto ihres blauen Arms jedem. Ich schämte mich sehr, versank vor Scham im Boden, und verlor die Kontrolle, aber nicht zwangsweise in einem psychodynamischen Sinne: sie hatte mich wortwörtlich in der Hand.
Nun werden einige sagen, ja, aber ich würde auch meinen Freundinnen erzählen, wenn mein Freund am Anfang der Beziehung noch eine Freund gehabt hätte, bzw. wenn er mich schlagen würde. Wie kannst du das mit dem Analverkehr vergleichen? Es kommt nicht darauf an, dass sie es sagte, sondern wie und welchen Zweck sie damit verfolgte. Verbesserung des eigenen sozialen Rufes, Projektion und projektive Identifikation ihrer eigenen ASPD-Dynamik. Zudem ist es bekanntlich so, dass Frauen, die wirklich unter häuslicher Gewalt leiden, oftmals schweigen und ihren Freund nicht vor ihren Freundinnen bloßstellen, bspw. aus Angst, erneut geschlagen zu werden.
Sie hingegen provozierte die Schläge selbst, und ich sagte ihr dazumal 10x, sie solle bitte aufhören, bis ich rot sah. Das Grenzen-Testen und die Impulsivität einer dissozialen Borderlinerin und die Impulsivität von ADHS ergaben in dieser Situation eine explosive Mischung. Ich habe mich sehr gut im Griff, aber in dieser Situation gab es kein Halten mehr. Ich packte sie, drückte sie aufs Bett und haute ihr ca. 7x auf die Schulter. Ich machte damals Kraftsport, eine Hantelbank stand in meiner Küche. Sie war durch ihren Drogenkonsum sehr dünn. Ich sah nicht, wie ihr Arm blau anlief, aber am nächsten Tag war er blau. An dem Punkt waren wir schon einmal.
Ich erwähnte auch, dass ich spätestens an dem Punkt hätte gehen sollen, als ich merkte, wie sehr ihr kleiner Feuerwehrmannfreund unter ihrer Kontrolle stand. Er brachte ihr Drogen und Gummibärchen, hatte starkes ADHS.
Objektiv gesehen war die Beziehung spätestens seit ich sie zurückschlug ein Gefängnis geworden. Zu diesem Zeitpunkt war es allerdings bereits eine Tortur. Sie wechselte schnell zwischen Idealisierung und Entwertung, hatte starke Stimmungsschwankungen, war sehr impulsiv. Das Gefühl der subjektiv größeren Freiheit war verschwunden.
Ich gehe davon aus – reine Spekulation -, dass ihr irgendwann jemand sagte, dass sie eine Prostituierte sei, da ihm ihr grandioses Selbstbild auf den Sack ging: „Schau dich mal an: du bist eine Hure!“ Jedenfalls brach sie weinend vor mir im Bett zusammen und fragte, was eine Prostituierte sei: sie wollte sich versichern, dass Prostitution bedeutet, für Sex Geld anzunehmen. Ich nahm sie in den Arm, aber ich schätze, dass sie sich in ihrem Leben mehrfach für Drogen prostituierte, da sie Prostitution definitorisch derart auf „Geld“ eingrenzte.
In diesem Sinne liegt Dr. Thomas Bolm völlig falsch, falls er meint, dass es eine Tanztherapie im Sinne von Balu der Bär gewesen sei. Am Wochenende war ich meist genervt, wenn sie noch mit ihren Freunden „aftern“ wollte, da in diesen „sessions“ zu viele Drogen konsumiert wurden und ich mich unwohl fühlte. Meist versuchte ich, diese Situationen auszusitzen. Unter der Woche wurde die emotionale Arbeit geleistet. #FactsMatter.
Wenn ich es jedoch wagte, in der S-Bahn meinen Kopf auf ihre Schultern zu legen, da wurde sie extrem gereizt und stieß ihn weg: „Was machst du da??“ → meine Suche nach Zärtlichkeit wurde mit Härte bestraft.
Ich befürchte indes, dass ich ihre ASPD-Züge an ihr respektierte und dies sehr viel mit meinem Vater zu tun hat. Natürlich ist solch eine femme fatale schon immer für manchen Mann anziehend gewesen. Sie war sehr locker, und ich verwies schon im Winter auf Situationen, als wir auf dem Weg zu Festivals waren, die so mit einer anderen Frau undenkbar gewesen wären, aber irgendwie muss man es sich erklären, dass ich bei ihr blieb, obwohl sie meine Grenzen bis zum Äußersten reizte.
Schon lange bevor es die Diagnosen überhaupt gab, wurden solche Frauen in der Kultur verarbeitet. Eine Szene in Alban Bergs Lulu bringt es auf den Punkt:
„Lulu (harmlos) Was findest du daran… Alwa (erregt) Einen Arm… Lulu (unschuldig) Was findest du daran… Alwa (noch erregter) Einen Körper… Lulu (völlig verständnislos) Was findest du daran… Alwa (leidenschaftlich) Mignon! Lulu (versteht plötzlich, entzieht ihm ihre Hand und wirft sich in ihren Lehnsessel zurück) Sieh‘ mich nicht so an – um Gottes Willen! Alwa (vor ihr kniend) Richte mich zugrunde! Mach‘ ein Ende mit mir… Lulu Liebst du mich denn? Alwa Liebst du mich, Mignon? Lulu Ich weiß es nicht. Alwa Mignon, ich liebe dich! (birgt seinen Kopf in ihrem Schoß) Lulu (beide Hände in seinen Locken) Ich habe deine Mutter vergiftet…“
Angelo war in sie verliebt, und nach der Trennung berichtete er mir von einer Situation (die vor unserer Beziehung stattfand) und bezeichnete sie als „bösartig“. Sie wusste: er ist in sie verliebt, doch sie fickte einen anderen Typen im Nebenraum so lautstark, dass er es hören konnte, kam dann in das Zimmer, in dem er schlief, und beugte sich grinsend über ihn. Ein anderer Freund wollte sie nach der Beziehung ficken, ging mit ihr feiern, doch sie gab ihm augenscheinlich einen Korb. Er beichtete es mir und meinte nur: „Sie ist sehr komisch.“ Sie schien ihn beim sogenannten „Aftern“ brutal manipuliert zu haben.
Wenden wir uns dem Ursprung der Ich-Schwäche zu. Ich beschäftigte mich erst seit kurzem seriöser mit Borderline. Damals las ich Beziehungsratgeber online, den Wikipedia-Artikel und kürzere Aufsätze, doch war eher damit beschäftigt, Adorno und die Grundlagen der Psychoanalyse zu studieren, als ernsthaft Borderline-Experte zu werden. Zudem ließ ich damals die Lektüre ohnehin etwas schleifen. Jedenfalls hielt ich sehr lange an dem Traumamodell fest, obwohl ich die Bedeutung der Mutter schon damals erkannte. Ich nahm ihre Erzählung, dass sie ein Obdachloser auf dem Weg zu ihrem Haus, zwischen Autobahn und Wohngebiet, vergewaltigt hätte, für bare Münze. Ihre Erzählung, dass ihr BDA-Ex-Freund und ein alter Mann der Techno-Szene, mit dem sie GBL konsumierte, sie vergewaltigt hätten, sah ich damals bereits als Reproduktion ihres Traumas. Ich warf der Mutter vor, dass sie lieber Altäre für Elfen bauen würde, anstatt das Mädchen zum Therapeuten zu bringen, und erklärte mir so ihre Pathologie. Auch erkannte ich anhand ihrer expliziten Hinweise, dass die Mutter Liebe innerhalb der Familie kaufte, wie sie es mir anhand des Audis des Vaters verdeutlichte, und der Vater unter der Kontrolle der Mutter stand. Diese Konstellation – eine emotional kalte, Liebe kaufende Mutter, ein als schwach wahrgenommener Vater unter der Kontrolle der Mutter – postuliere ich als eine der typischen familiären Konstellationen für eine Frau mit ASPD und Borderline-Muster.
Kommen wir zur initialen Vergewaltigung zurück: Fand sie wirklich statt? War das Ursache oder Resultat der Störung? Was soll man davon halten, dass es gerade ein Obdachloser war? Nehmen wir an, dass die Vergewaltigung stattgefunden hat, so würde ich zumindest in Zweifel ziehen, dass es ein Obdachloser war. Ein Obdachloser: da schwingt viel Ressentiment mit. Auf so einen lässt sich die Schuld wunderbar verschieben. Mich würde es nicht wundern, wenn sich bei näherer Investigation herausstellt, dass es jemand innerhalb der Familie selbst war: möglicherweise der Vater der Stiefschwester? Dies wäre angesichts der potenziellen Verschiebung der Schuld sehr typisch. Die Mutter war bereits verheiratet, Leonies Vater der Nachbarjunge. Er heiratete eine ältere Frau, eine Mutter, aber es gab noch den Ex-Mann. Ich lernte ihn nie kennen. Ebenso ist denkbar, dass sie sich die Geschichte lediglich ausdachte, um Mitleid zu erregen. Dies ist eine jüngere Spekulation. Die Kripo dürfte die Fakten in ihren Akten haben, oder zumindest die Geschichte mit dem Obdachlosen verifizieren oder falsifizieren können. Denn: gerade wenn es jemand innerhalb der Familie selbst war, gibt es keine Akte.
Wie dem auch sei:
„Laut Cloitre et al. können folgende zentralen Unterscheidungsmerkmale bei der Differenzialdiagnose helfen (Cloitre et al., 2014) (für eine detailliertere Unterscheidung s. Seite 83): • Das Borderline-Muster verlangt keinen traumatischen Auslöser für die Diagnose. • Die Traumatrias ist kein Symptomenkomplex des Borderline-Musters. • Störung der Affektregulation: Beim Borderline-Muster ist die Affektregulation durch Beziehungskonflikte sowie impulsive und suizidale Handlungen gekennzeichnet, bei kPTBS sind es posttraumatische Affektregulationsprobleme (Seite 74). • Störung des Selbstkonzepts: Beim Borderline-Muster handelt es sich um ein sich änderndes Selbstbild oder Selbstkonzept, während bei kPTBS ein durchgängig negatives Selbstkonzept besteht (Seite 77). • Störung der Beziehungen zu Menschen: Borderline-Muster gehen mit der Angst vor Verlassenwerden und Wechsel von Idealisierung und Entwertung in Beziehungen einher, kPTBS mit durchgängigen posttraumatischen Beziehungsschwierigkeiten (Seite 78).“ (Gysi)
Ich finde Gysis Bezug auf Watts sehr fragwürdig, die in allen Borderlinerinnen traumatisierte Frauen erkennen möchte (wegen ihm beschäftigte ich mich auch intensiv mit dem ICD-11 PS-Paradigmenwechsel), doch liefert er anschließend selbst eine Differentialdiagnose, die ich an dieser Stelle zitierte, und die auch den Unterschied zwischen Malte, der in Leonie verliebt war und sich angesichts ihrer Dynamiken & ihres Drogenkonsums selbst Borderline diagnostizierte, und Leonie klar verdeutlicht. Sicherlich lassen sich bessere Differentialdiagnosen finden. Auch ich suchte Gemeinsamkeiten mit Leonie, doch dies lässt sich ebenfalls auf die Liebesverblendung zurückführen: „Liebe ist die Fähigkeit, Ähnliches an Unähnlichen wahrzunehmen.“ (Adorno) Meine Angststörungen indizierten eher ein neurotisches Strukturniveau.
Die Frage, die sich nun stellt, ist, warum manche (früh) traumatisierte Frau Borderline entwickelt & keine (k)PTBS oder pDIS/DIS? Ich würde für solche Fälle eine integrative Theorie aus Borderline-Mutter (vgl. Masterson vs. Kernberg) und Trauma vorschlagen. Die frühkindlichen Erfahrungen (2.–4. Lebensjahr) prädisponierten bereits die Persönlichkeitsstörung, die durch das Trauma nur verstärkt wurde. Masterson lässt sich möglicherweise auf Olga anwenden – die Zitate des Borderline-Handbuchs passten, aber ich fand auch ein entsprechendes Zitat bei Kernberg -, aber nicht auf Leonie, für die ich auf das ASPD-Handbuch zurückgreifen musste (Kohut-Paraphrase).
„No need to run and hide It‘s a wonderful, wonderful life No need to laugh and cry It‘s a wonderful, wonderful life“
Wir können den Unterschied zwischen Leonie und anderen Borderlinerinnen an Fallbeispielen verdeutlichen.
Fallbeispiel 1: Ein männlicher Borderliner, Medizinstudent. Die Mutter schrieb ihn ohne sein Wissen an der Universität ein und sendete, ebenfalls ohne sein Wissen, Bewerbungen an mehrere Universitäten. Die Mutter empfahl ihm, seiner Freundin klarzumachen, dass sie ihr Medizinstudium abbrechen soll, da er der Arzt wird. In der Familie gab es viele Zahnärzte. Er sollte, gegen seinen Willen, Zahnarzt werden. Traumatisierung auf Internat: Mitschüler drückten Zigaretten auf seinem Körper aus. Dennoch beschreibt er das Internat als immer noch besser als Zuhause zu sein. Im Erwachsenenalter ist er Alkoholiker. Trennungs- und Verlustangst resultieren in Selbstmorddrohungen. Komorbidität BPS mit abhängiger Persönlichkeitsstörung liegt nahe. Einschränkung: Beschreibung basiert auf Fremdwahrnehmung der Ex-Freundin. Informationen aus zweiter Hand.
Fallbeispiel 2: Leonie nimmt Mutter als emotional kalt und abwesend wahr: „Liebe kaufen“. Den Vater wird als schwach und unter der Kontrolle der Mutter stehend wahrgenommen. Es gibt keine expliziten Selbstmorddrohungen. Die Trennungsangst und Verlustangst ist nicht offensichtlich als solche erkennbar. Sie manifestiert sich eher in der Provokation des Verlassenwerdens und dem Testen von Grenzen. Selbstverletzung manifestiert sich primär im suizidalen Drogenkonsum & riskantem Sexualverhalten. Bspw. konsumierte sie an einem Festival MDMA, Speed, Ketamin, Pilze, LSD, Marihuana, um dann am Ende noch GBL obendrauf zu setzen. Anschließend legte sie sich ins 40°+ heiße Zelt. Der Freund, der etwas Speed & MDMA konsumierte, liegt neben ihr und passt auf, dass sie nicht verreckt, stupst sie permanent an: „Ähm, Leonie, lebst du noch? Geht es dir gut?“ Zuwendung durch suizidalen Drogenkonsum erzwingen ist eine mögliche Interpretation der Situation. Sie weist eine Art grandioses Selbstbild auf (Identifikation findet hauptsächlich mit der Techno-Szene statt), welches ab und an in Tränen kollabiert: „Was ist eine Prostituierte?“, oder „Ich wurde vergewaltigt.“ Keine affektive Empathie. Schamgefühle entstehen primär aus der Verletzung des grandiosen Selbstbildes. Beutet Freunde manipulativ aus, die unter absoluter Kontrolle stehen (Feuerwehrmann). Komorbidität mit ASPD.
Den Unterschied zwischen Leonie & Olga können wir tabellarisch verdeutlichen:
Extrem dissozial. Psychopathin. Selbstverletzung manifestiert sich im suizidalen, polytoxikomanen Drogenkonsum, Promiskuität kein Indiz für bessere Heilungschancen. Gewalttätig.
Schlechte Mentalisierungsfähigkeiten. Emotionale Dysregulation in kindlich-körperliche Reaktionen in Stresssituationen, oder situationsunangemessene Wut. Autoaggression.
Identifikation
Technoszene
Kennt sich laut eigener Aussage gut mit Fetischen und Psychoanalyse aus
Trauma
Gemäß Wahrnehmung Vergewaltigung
Früher Tod des Vaters
Externalisierung
Projiziert ihre eigene ASPD-Dynamik auf Partner, („er ist gewalttätig, sexuell ausbeuterisch“)
Projiziert ihre eigene Hilfsbedürftigkeit auf Kommilitonen (Übertragungsphänomene sind bei ihr sehr einfach zu entschlüsseln: Mutter-Kind-Dynamiken), bzw. die eigene Wut und Grenzüberschreitung („er ist ein gefährlicher, hilfebedürftiger Radikaler“)
Sozialbeziehungen
Beutet Mitmenschen kalt und manipulativ aus, kein typischer obsessive follower, sucht starken Partner: Drogendealer, der sie in Zusammenbrüchen auffängt (paradoxe Ansprüche), keine Kooperation mit Strafverfolgungsbehörden
Kontrolliert Kommilitonen abseits des Seminars, nimmt nach (wahrscheinlich) Denunziation bei Strafverfolgungsbehörden narzisstische Überlegenheitsposition ein , typischer obsessive follower
Emotionen
Keine affektive Empathie, Schamgefühle nur aufgrund der Verletzung des Selbstbildes („Was ist eine Prostituierte?“), Wut schlägt direkt in Impulsivität, Aggression und Gewalt, um.
Kann eigene Erfahrungen (Vater früh verstorben) mögl. nicht von jenen anderer trennen (Vater Psychopath). Resultiert in emotionaler Dysregulation in kindlich-körperliche Reaktionen & situationsunangemessener Wut (verbal) -> resultiert (wahrscheinlich) in Denunziation bei Strafverfolgungsbehörden -> Abwehrmechanismen – > Erotomanie
Was möglicherweise bei manch Charakter oder Persönlichkeitsstörung als Übertreibung erscheint, kann im Lichte von Leonie – „ASPD (wahrsch. primäre Dynamik, dennoch BPS-Züge)“ – einigen Wahrheitsanspruch für sich beanspruchen:
„Unter einem psychoanalytischen Aspekt könnte man sagen, die Borderline-Persönlichkeitsstörung stelle das Zentrum der Persönlichkeitsstörungen dar und die anderen in der ICD und im DSM genannten Persönlichkeitsstörungen seien letztlich verschiedene Spielarten der Borderline-Persönlichkeit. Eine solche Ausweitung der Diagnose »Borderline« mag auf der einen Seite fragwürdig erscheinen, weil dabei die Gefahr bestehen könnte, das Spezifische der verschiedenen Persönlichkeitsstörungen aus den Augen zu verlieren. Auf der anderen Seite er scheint es mir aber unter psychoanalytischem Aspekt, insbesondere im Rahmen der strukturellen Diagnostik (2. Vorlesung, ich- und über- ich-strukturelle Aspekte) durchaus gerechtfertigt, die Borderline-Störung als das Zentrum der Persönlichkeitsstörungen und die anderen Persönlichkeitsstörungen als Spielarten dieser zentralen Störung zu betrachten. Ich werde dies wird bei der Diskussion der strukturellen Diagnostik noch genauer ausführen. Diesen Überlegungen entspricht ein von Clarkin et al.¹⁵ für die verschiedenen Persönlichkeitsstörungen aufgestellte Schema. Die Autoren unterscheiden in ihrer Darstellung der Beziehungen zwischen den verschiedenen Persönlichkeitsstörungen hinsichtlich des Funktionsniveaus (Clarkin et al. 2008, S. 10) in einem ähnlichen Sinne zwischen einer neurotischen Persönlichkeitsorganisation (z. B. zwanghafte Störung), einem hohen Niveau der Borderlineorganisation (z. B. ängstlich-vermeidende und histrionische Störung), einem niedrigen Borderline-Niveau der Persönlichkeitsorganisation, in dessen Zentrum die Borderline-Persönlichkeitsstörung im engeren Sinne steht, und einer psychotischen Persönlichkeitsorganisation.“ (Rauchfleisch)
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